04.12.2016, 00:53 Uhr

Interview mit Ulrich Tukur

 

„Ich liebe diese Rolle!“

Generationen von Krimi-Fans können nicht irren und feiern mit der ARD

40 Jahre TATORT

Ein Sonntagabend ohne „Tatort“? Für 53 Prozent der deutschen TV-Zuschauer eine trostlose Aussicht! Die Älteren unter ihnen halten dem ARD-Schlachtross  schon seit Jahrzehnten die Treue. Wenn die Krimireihe mit der Jubiläumsfolge „Wie einst Lilly“ am 28. November ihren 40. Geburtstag feiert, wird das angesichts der Internet-Umfrage aber sicher für alle Generationen ein Fest werden… TVdirekt sprach mit Ulrich Tukur, der zum 40. „Tatort“-Geburtstag sein Debüt als Kommissar feiert.

 

TVdirekt: Ihr Kommissars-Debüt ist zugleich das 40-jährige „Tatort“-Jubiläum. Spielt das eine Rolle für Sie, Herr Tukur?
Ulrich Tukur: Natürlich ist das sehr schmeichelhaft, diesen Mythos Tatort zum Jubiläum zu vertreten.
 
TVdirekt: Sind Sie ein „Tatort“-Fan. Haben Sie „Taxi nach Leipzig“ mit Kommissar Trimmel gesehen, fieberten mit Schimanski mit?
1970 hatten wir keinen Fernsehapparat, das war in einem Akademikerhaushalt scheel angesehen. So blöde war man damals. Dennoch kann ich mich an Kommissar Trimmel erinnern, natürlich auch an Klaus Schwarzkopf, der im legendären Tatort Reifezeugnis Kommissar Finke spielte. Und Götz George fand ich auch toll.
 
TVdirekt: Sehen Sie sich auch andere TV-Krimis gerne an?
Ich sehe kaum fern.
 
TVdirekt: Wie kann man fürs Fernsehen arbeiten und sich gar nicht dafür interessieren?
Wenn ich von früh bis spät drehe, habe ich keine Lust auch noch meinen Feierabend damit zu verbringen. Ich gehe auch selten ins Kino, und wenn ich selbst auf der Bühne stehe gehe ich nur sehr ungern ins Theater. Nur von Musik habe ich nie genug. Im Fernsehen habe ich mir ein Porträt über den viel zu jung verstorbenen Tenor Fritz Wunderlich angesehen. Was für eine Stimme! Das ist hohe Kunst. Film dagegen… das kann bis auf wenige Ausnahmen jeder, der Persönlichkeit besitzt. Sein Gesicht in eine Kamera reinzuhalten ist nicht so schwer.
 
TVdirekt: Worin besteht dann bei Fernseh- und Filmschauspielerei die Kunst?
Es ist eigentlich nur die Freude daran, den inneren Widerstand und die Talentlosigkeit zu überwinden und über den eigenen Schatten zu springen, um den Moment zu nutzen, in dem man die Lüge fast wegwischen kann.
 
TVdirekt: Welche Lüge?
Beim Schauspiel wird immer gelogen. Ich sage einen Satz, bin dabei aber nicht ich und gebe auch noch vor, nicht zu wissen, dass mir Leute dabei zukucken. An dieser Konstruktion stimmt wirklich gar nichts.
 
TVdirekt: Um den Ruf der Tatort-Kommissare ist es nicht gut bestellt. Martin Wuttke sagt, er spiele den Leipziger Ermittler nur der Gage wegen, Andrea Sawatzki entfloh geradezu der „Tatort“-Routine und Christoph Maria Herbst mault, es gäbe schon zu viele Tatort-Kommissare…
Also, ich liebe diese Rolle! Sie hat viel mit mir zu tun, mit meiner Lebenssituation, mit den Gedanken, die ich mir mache, mit meinem Alter.
 
TVdirekt: Sie haben bereits „Tatort“-Erfahrung als Serienkiller, der 2004 die Eltern der Frankfurter Kommissarin Sänger tötete…
Da war ich „Das Böse“ und auf der dunklen Seite – übrigens mit meiner jetzigen Assistentin Barbara Philip, die eine heroinabhängige Prostituierte spielte. Jetzt stehen wir zwei auf der hellen Seite…
 
TVdirekt: Wechseln Sie gern die Seiten?
Eigentlich sind ja Verbrecher und Mörder immer interessanter als die Ermittler. Die menscheln immer so blöd rum. Ich will aber gar nicht wissen, ob der einen Hund hat oder die Ehe kaputt ist.
 
TVdirekt: Sie ermitteln für den HR in Wiesbaden und haben den LKA-Ermittler Felix Murot mit entwickelt…
Die Figur sollte wenigstens so attraktiv sein wie der Fall, den sie behandelt. Murot ist ein Typ, der obwohl er möglicherweise sterben muss, versucht, aufrecht weiter zu laufen. Aber nicht teutonisch schwerfällig, sondern mit Humor und einem gewissen Maß an Ironie und Stil.
 
TVdirekt: Felix Murot plagt sich nicht mit einem Partner, sondern mit einem Gehirntumor…
Die Figur wirft Fragen auf, die bisweilen interessanter als der ganze Fall sind. Er hält den Zuschauern den dunklen Spiegel des Lebens vor. Und das in einer Zeit, in der alle gern verdrängen, wie zerbrechlich unsere Existenz ist. Und da ist noch viel mehr drin: Ich habe große Lust, die Tür zu etwas Surrealem aufzureißen. Ich habe mich erkundigt: Je nachdem, wo so ein Tumor drauf drückt, kann es zu Persönlichkeitsveränderungen kommen, man kann Dinge sehen, die gar nicht da sind… Da ist vieles möglich.
 
TVdirekt: Aber es ist erst mal nur ein Film angedacht. Warum?
Dieses Gerücht habe ich in die Welt gesetzt, um in Ruhe sehen zu können, ob die Figur überhaupt funktioniert. Aber ich bin heute überzeugt, dass dieser Murot ein hohes Potential hat.
 
TVdirekt: Also dient der Tumor nicht als Hintertürchen, Murot schnell wieder sterben zu lassen?
Natürlich kann man ihn sehr schnell sterben lassen. Aber man kann ihn auch heilen. Es schaut einem auch keiner mehr zu, wenn sich ein Mensch zehn Folgen lang an den Kopf fasst.
 
TVdirekt: Einen schlechten „Tatort“ schauen sechs Millionen Leute an, ein guter zieht über zehn Millionen in seinen Bann. Da muss es einen als Schauspieler doch kribbeln.
Das ist toll! Man hat dadurch auch eine Verantwortung. Da muss man Themen unterbringen, die uns alle beschäftigen: Warum rennen wir alle nur noch? Wo bleibt der Respekt vor dem Leben? Da kann man ruhig mal ein bisschen philosophisch werden, aber auch rebellisch und politisch.
 
TVdirekt: Das RAF-Thema des Jubiläums-Tatorts ist politisch und angesichts des Verena-Becker-Prozesses brandaktuell…
Es ist natürlich Fiktion, aber wir docken schon an gewisse Wirklichkeiten jüngster deutscher Geschichte an. Und ich habe mich gewundert, dass mir der politisch unkorrekte Satz „Am Ende hatte die RAF doch recht“, nicht rausgestrichen wurde.
 
TVdirekt: Das passt doch eigentlich ganz gut zum Tatort, der immer schon gesellschaftlich brisante Themen aufgegriffen hat…
Das ist ja auch die Stärke des Formates. Darum dürfen, wir wie Volker Herres sagt, nicht die Asche verwalten, sondern müssen die Flamme in die Zukunft tragen. Der Tatort muss Zeitläufe reflektieren, sich verändernde Ideen, Geschmäcker und Moden. Deshalb ist das Format so lebendig.
 
TVdirekt: HR-Fernsehspielchefin Liane Jessen bezeichnet Sie als "attraktiv, witzig und hochgebildet". Was sagen Sie dazu?
Das ist sehr schmeichelhaft. Ich bedanke mich sehr und werde ihr die Wahrheit nie erzählen.
Interview: Sabine Krempl
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