04.12.2016, 00:55 Uhr

Interview mit Franz Beckenbauer

 

„Wir werden mindestens

Europameister!“

 


Mit 65 will Franz Beckenbauer kürzer treten. Dennoch hat er zur Zukunft des deutschen Fußballs noch jede Menge zu sagen. Nicht nur in seiner Eigenschaft als SAT.1-Fußball-Experte (Foto) beim Champions-League-Spiel FC Bayern München gegen FC Basel am 8. Dezember…

 

TVdirekt: Am 11. September wurden Sie 65 Jahre alt. Feierten Sie ein rauschendes Fest oder gleich mehrere?
Franz Beckenbauer:Einer meiner besten Freunde hat zwei Tage nach mir Geburtstag. Da haben wir gemeinsam drei Tage lang gefeiert, erst in der Allianz-Arena, dann mit einem Golfturnier und zuletzt in Salzburg mit Mariachi-Musik.
 
TVdirekt: Beginnt für Sie also jetzt mit 65 das Rentner-Dasein?
Mit Rentner-Dasein hat das nichts zu tun. Aber ich bin für SAT.1 in der Champions League, für sky in der Bundesliga im Einsatz, bin für Sponsoren, meine Stiftung und für die FIFA und UEFA sehr vielunterwegs. Das ist einfach zu viel. Deshalb möchte ich abbauen…
 
TVdirekt: Der erste Schritt ist ja schon getan: Sie haben Mitte November Ihren Rückzug aus dem FIFA-Exekutivkomitee angekündigt …
Ich habe ja das Glück, in meinem Alter noch mal Familie zu haben. Joel ist zehn, Francesca sieben Jahre alt und ich möchte da nichts versäumen. Meine ersten drei Kinder habe ich nicht aufwachsen sehen, die waren plötzlich groß. Das soll mir nicht noch mal passieren.
 
TVdirekt: Aber daneben finden Sie noch Zeit für eine Rolle in der BR-Serie „Dahoam is dahoam“…
Das habe ich spontan zugesagt. Da spiele ich irgendwann einmal mit, wenn ich Zeit habe. Aber ich muss zugeben, ich habe die Serie noch nie gesehen. Wenn ich mal fernsehe, dann höchstens Kindersendungen.
 
TVdirekt: Kicken Sie noch manchmal?
Mein letztes offizielles Spiel war 1995 zu meinem 50. Geburtstag im Olympiastadion. Da habe ich noch gegen den FC Bayern mit einer Weltauswahl gespielt, zu der auch Eusébio und Michel Platini gehörten. Heute kicke ich höchstens noch mit meinem Sohn im Garten.
 
TVdirekt: Bundesliga, DFB-Pokal, Champions League… Die Spieldichte erhöht auch das Verletzungsrisiko für die Stars des FC Bayern. Wie schmerzhaft ist ein Fußballer-Leben?
So lange man Profi ist, muss man mit täglichen Schmerzen leben. Wenn man morgens aufsteht, bemüht man sich erst mal überhaupt aufrecht zu gehen. Ich bin die ersten zehn Minuten des Tages immer gegangen wie ein alter Mann. Die wirklichen Blessuren, holt man sich ja nicht im Spiel. Da geht’s vergleichsweise harmlos zu. Richtig hart zur Sache geht es viel mehr im Training.
 
TVdirekt: Michael Ballack fällt mitten in der EM-Vorbereitung immer wieder verletzungsbedingt aus. Ist er, obwohl er seit Monaten nicht mit der Nationalelf gespielt hat, als Kapitän noch die Nummer eins?
Er hat auf jeden Fall das Recht auf diese Position, er ist ja nicht abgesetzt worden. Aber Voraussetzung ist natürlich, dass er gesund ist und auch die Leistung bringt.
 
TVdirekt: Rechnen Sie mit ihm bei der Europameisterschaft?
Die nächste EM ist in zwei Jahren, wenn er viel Glück hat und von Verletzungen verschont bleibt, könnte er das noch packen. Ich wünsche es ihm, aber die Zeit läuft gegen ihn. Beim FC Chelsea waren die Verschleißerscheinungen gegen Ende der Saison sehr groß. Das konnte man sehen. Er ist aber noch in der Lage, in der Nationalmannschaft eine Führungsrolle zu übernehmen. Die Frage ist nur: Wie lange noch? Bei der WM in Brasilien wird er wohl nicht mehr dabei sein.
 
TVdirekt: Philipp Lahm hat seinen Anspruch auf den Posten angemeldet. Wäre FC Bayern-Kollege Bastian Schweinsteiger nicht die bessere Wahl?
Philipp Lahm ist als Ballacks Stellvertreter automatisch aufgerückt und hat seine Aufgabe hervorragend gemeistert. Ich verstehe gut, dass er jetzt, wo er Gefallen daran gefunden hat, die Kapitänsbinde nicht mehr hergeben will.
 
TVdirekt: Die Mannschaft von Jogi Löw ist jung, aber bisweilen noch etwas unbeständig…
Sie sind optimal in die EM-Qualifikation gestartet und haben jetzt zwei Jahre Zeit. Klar gibt es da noch einiges zu verbessern, aber sie liegen ja auch weit unter dem 27-, 28-Jahre-Altersdurchschnitt der Erfolgreichsten. Ein Thomas Müller ist gerade mal 21, da kann man schon noch eine Steigerung erwarten. Sie werden dazu lernen und sich noch besser verstehen, je länger sie miteinander spielen.
 
TVdirekt: Das heißt?
Na ja, bei der WM wurden sie Dritter. Was ist die Steigerung? Mindestens Europameister!
 
TVdirekt: Dann müssen die Jungs wahrscheinlich Spanien schlagen…
Das hätten sie schon bei der WM schaffen können, wenn sie so gespielt hätten wie gegen Argentinien und England. Sie hätten nur alle die Leistung bringen müssen, die sie bringen können.
 
TVdirekt: Seit der WM wird in Freundschaftsspielen, EM-Qualifikation, Champions League und Bundesliga durchgekickt. Ist das zu viel?
Das war doch nie anders. Eine erfolgreiche Fußballnation steht eben entsprechend lang im Wettbewerb, hat nur kurz Urlaub, eine schlechte Vorbereitung und muss dann schon wieder ran.
 
TVdirekt: Vor allem dem FC Bayern merkt man die Belastung der Spiele-Inflation an. Mit sieben Nationalspielern im Kader erwartet man vom Rekordmeister in Bundesliga und Champions League mehr Power…
Sie spielen doch eine hervorragende Champions League-Gruppenphase. Es dauert eben ein paar Monate, bis der Rhythmus stimmt, bis die Kräfte wieder reichen, die ganzen 90 Minuten volles Tempo zu gehen.
 
TVdirekt: Nach der WM würde viel über Regeländerungen und Hilfsmittel bei Schiedsrichterentscheidungen diskutiert. In Australien wurde jetzt der Fernsehbeweis eingeführt. Wie denken Sie darüber?
Das schadet nicht, ist doch ein guter Versuch. Beim WM-Spiel gegen England hätte der Schiedsrichter mit der entsprechenden Information anders reagieren können.
 
TVdirekt: Auf dem Schirm war klar zu erkennen, dass der Ball über der Torlinie war…
Wenn aber bei strittigen Situationen auch der Fernsehbeweis nicht klarstellen kann, ob der Ball vor, auf oder hinter der Linie ist, und Diskussionen während des Spiels losgehen, dann ist das doch das Ende des Fußballs.
 
TVdirekt: Gäbe es Alternativen zum Videobeweis?
Die UEFA setzt nach einer Testphase in der Europa League jetzt auch in der Champions League zwei zusätzliche Schiedsrichter ein, die direkt neben dem Tor aufpassen. Das sind zwar auch nur Menschen, die nicht alles millimetergenau in Superzeitlupe sehen können. Aber eines ist sicher: Es wird im Strafraum sauberer gespielt. Da wird bestimmt weniger gezerrt und geschlagen.
 
TVdirekt: Außerdem sollen Regeländerungen Fußball fürs TV attraktiver machen. Abseits soll abgeschafft werden…
Das haben wir doch schon vor 30 Jahren diskutiert… Man soll nicht zu viel an den Regeln rumdoktern. Fußball darf nicht so durchgeregelt werden. Fehler passieren, das ist menschlich. Davon lebt der Fußball. Fußball ist Emotion!
 
TVdirekt: Die EM 2016 wird mit 24 statt mit 16 von 51 Mannschaften gespielt. Soll die Teilnahme von Teams aus Aserbaidschan oder Andorra völkerverbindend wirken oder geht es dabei eher ums Geld?
Ich meine, 16 Teams wären genug. Manch einer mag sagen, wenn schon die Hälfte aller Mannschaften mitspielen darf, kann man gleich auf die Qualifikation verzichten. Da stehen sicher auch wirtschaftliche Interesse dahinter, bei 24 Mannschaften kann man eben auch mehr Geld verlangen.
Interview: Sabine Krempl
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