07.12.2016, 11:37 Uhr

Interview mit Iris Berben

GEFÜHL FÜR ZWEIFEL

 

Sie engagiert sich gegen das Vergessen, gibt Rollen Tiefe. Dabei würde IRIS BERBEN gern komisch sein.


Sie ist auch mit 60 Jahren lebenslustig, viel beschäftigt und engagiert wie eh und je. Iris Berben dreht neue Folgen „Rosa Roth“, prüft mehrere Kinoangebote und geht 2011 zum Thema „Verbrannte Bücher – Verfemte Komponisten“ mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester auf Lesetour. Probleme mit dem Alter hat sie nur in Filmen wie „Meine Familie bringt mich um“ (Mo., 31.1., 20.15 Uhr, ZDF), eine Tragikomödie über eine Mutter in der Menopause…


TVdirekt: Kennen Sie die Situation Helens, deren Ängste und Konflikte vor allem aus einem plötzlichen Altersfrust heraus entstehen?
Iris Berben: Wir überspitzen natürlich die Situation, aber wer wie Helen ganz im Zentrum einer Familie aufgeht und plötzlich das Gefühl hat, ihm werden die Zügel aus der Hand gerissen, dem stellt sich schnell die Frage: Wer bin ich denn noch, wer braucht mich, was kann ich? Mit dem Leben, für das ich mich entschieden habe und mit dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, hat das allerdings wenig zu tun. Dennoch sind die Fragen, die aufgeworfen werden real. Partnerschaft, die sich verändert, pubertierende Kinder, die sich entziehen, eine Mutter, die dement wird…


Haben Sie überhaupt ein Verhältnis zu Ihrem Alter?
Es fällt mir schwer eine Beziehung zu der Zahl 60 aufzubauen. Mit 20, 30, 40 Jahren hatte ich eine Vorstellung von einer 60-Jährigen, in der ich mich heute einfach nicht wieder finde. Das hängt aber vor allem mit der gesellschaftlichen Entwicklung zusammen, die es möglich macht dran zu bleiben. Früher war man doch als Schauspielerin mit 40 schon zu alt fürs Fernsehen konnte froh sein, wenn man sich ans Theater retten konnte.


Ein Problem, das Sie  nicht kennen…
Ich habe zwischen 40 und 60 spannendere, intensivere und kraftvollere Rollen bekommen, die auch mehr mit mir und meiner Entwicklung zu tun hatten. Natürlich bemerke auch ich, dass ich altere, dass ich 16-Stunden-Drehtage nicht am laufenden Band wegstecken kann. Ich muss mich anders einteilen
Dennoch ist es vor allem im Fokus von Kameras nicht einfach, zu altern.
Ich schreie nicht laut „Hurra, ich bin endlich sechzig!“ Die Zahl gemahnt mich, dass ich endlich bin. Aber was wäre denn die Alternative? Nicht mehr dabei sein!


Sie sind sehr dabei und haben sich sogar dieses Jahr als „Berta Krupp“ eine Emmy-Nominierung erspielt. Traurig, dass Sie ohne Trophäe heimreisen mussten?
Ich war fassungslos vor Freude über die Nominierung. Von einer internationalen Jury unter die besten vier gewählt zu werden, tut mir gut und macht mir Mut. Und: Ja, ich wollte das Ding gern in der Hand halten. Ich bin nicht so souverän, dass mir das egal ist. Jetzt bin ich auf den Geschmack gekommen. Ich will es wieder versuchen!


In USA wäre ein TV-Star wie Sie auch im Kino ganz groß…
Welche Kinohits haben wir denn? Vor allem Komödien. Ich meine das gar nicht abwertend. Aber großes, erwachsenes Kino, wie es in Frankreich das Publikum begeistert, wird bei uns wenig produziert. Dagegen bietet das Fernsehen heute viel mutigere Möglichkeiten und legt dadurch die Latte für deutsches Kino sehr hoch.


Wenn Sie frei wünschen dürften, welche Kinorolle hätten Sie gerne gespielt?
Gerne die Rolle von Isabella Rossellini in „Blue Velvet“ oder „Die Klavierspielerin“. Das sind klasse Figuren!


Beide sehr zerrissene Figuren…
Das hat sicher mit eigenen Lebenserfahrungen zu tun, die einem ein Gefühl für Unsicherheiten und Zweifel geben. Mich reizen mehr und mehr Figuren, in denen ich zeigen kann, wie es einem noch so souveränen Menschen die Beine wegziehen kann. Ich will von peinlichen Momenten genauso erzählen wie von den klugen, aufgeklärten.


Heißt das, Komödienrollen, wie in „Sketchup“  mit Diether Krebs, wollen Sie gar nicht mehr spielen?
Die Messlatte mit Diether war sehr hoch und die Angebote, die danach kamen, reichten daran nie heran. Es hat etwas mit Respekt Diether gegenüber zu tun und auch mit beruflicher Eitelkeit, dass ich keine Komödie mehr gespielt habe. Dabei habe Lust ich am Prallen und Komischen. Wenn nur das Richtige käme… Und mag für viele „Sketchup“ nur Klamauk und Ulk gewesen sein. Für mich war es Knochenarbeit und ich habe viel von Diether gelernt


Sie sind sich also nicht zu ernsthaft fürs Komisch?
Überhaupt nicht! Widersprüche sind doch das Leben. Comedy zu machen und ein engagiertes Programm mit Lesungen gegen das Vergessen zu machen, ist doch eine gegenseitige Bereicherung.

Im Gegensatz zu Kolleginnen haftet Ihnen bei Ihrem Engagement nie der Ruch des PR-Gutmenschen an.
Es gibt das Engagement, das sich in einer Unterschrift, Statements oder der Teilnahme an einer Charity-Feier manifestiert. Vielleicht auch eines, das vor allem schmückt. Und es gibt ein Engagement, das über Jahrzehnte mit sehr viel Zeitaufwand verbunden ist. Vielleicht liegt das Geheimnis meiner Glaubwürdigkeit darin, dass ich tatsächlich sehr viel unterwegs bin für Lesungen. Nicht nur in Theatern, auch in Schulen und davon steht nichts in der Presse. So viel unterwegs zu sein, ist mühsam. Aber das gehört eben zu einem Teil meines Alltags.

Gleichzeitig schaffen Sie es Ihren Alltag ganz gut aus den Schlagzeilen herauszuhalten.
Wenn man lange genug und immer „Nein!“ sagt, ermüden auch die eifrigsten Vertreter der Hochglanzmagazine. Ich bin so öffentlich durch die Gefühle, die ich in meinen Filmen zeige, durch mein politisches und gesellschaftliches Engagement, dass ich wenigstens mein privatestes Leben für mich behalten möchte. Beziehungen, Krankheiten, Familie gehören in meinen Schutzraum, damit möchte ich nicht hausieren gehen.

Wie viel von Ihnen selbst steckt denn dann in der öffentlichen Iris Berben?
Es ist doch so: Lachst du, bist du zu laut, lachst du nicht, bist du depressiv, stehst du neben einem Mann, hast du ein Verhältnis, trittst du alleine auf, bist du einsam… alles, was ich tue oder lasse, wird interpretiert und bewertet. Also bediene ich mich meiner antrainierten Mechanismen als Schauspielerin, um mein Innerstes zu schützen.

Sind Sie vielleicht gar nicht die starke Frau, als die Sie gelten?
Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber ich habe natürlich Ängste, bin in bestimmten Situationen verunsichert und auch mal überfordert als Mutter, als Frau. Wie eben jeder andere auch. Aber das muss ich in der Öffentlichkeit nicht zur Diskussion stellen.

Das hört sich nach viel Disziplin an. Lässt sich Iris Berben denn nie gehen?
Natürlich lasse ich mich gehen! Aber nicht wenn ihr Journalisten dabei seid (lacht). Beruflich bin ich sehr diszipliniert. Es hängen einfach zu viele Leute daran, als dass man seinen eigenen Befindlichkeiten oder Gefühlen freien Lauf lassen könnte. Man wird eh schon so bevorzugt behandelt, das darf einen nicht zum Größenwahn verleiten.

Und wie viel Disziplin steckt hinter Ihrem Aussehen?
Mit 60 hat man nicht mehr die Formen einer jungen Frau, aber man kann sich sehr geschickt kleiden. Ich bin nicht unsportlich, kann immer noch viel meiner Stunts selber machen, aber ich habe weder die Lust noch die Zeit, ins Fitnessstudio zu pilgern. Obwohl das, wie mir kürzlich bei einem Fototermin vermittelt wurde, bestimmt nicht schaden würde…

Was ist da passiert?
Da wurde ganz offen über die nötige Retusche geplaudert. Und wenn ich mir manche meiner Fotos ansehe, habe ich den Eindruck, ich sei immer noch nicht aus der Embryonal-Phase raus, so stark sind die bearbeitet.

Wie viel Echtheit geht?
Ich benutze falsche Wimpern und tusche sie. Und wenn ich drehe, werden oft Haarteile eingeklebt. Aber ich gebe es auch zu. Als der Terroristen-Film „Es kommt der Tag“ ins Kino kam, hat sich die Presse vor allem damit beschäftigt, dass ich Mut zur Hässlichkeit zeige. Hässlichkeit? Nur weil ich ungeschminkt und nicht perfekt ausgeleuchtet gespielt habe. Da war ich verletzt. Ich war nackt im Gesicht, aber ich habe mich nicht hässlich gefühlt.

Interview: Sabine Krempl
 

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