11.12.2016, 03:08 Uhr

Interview mit Veronica Ferres

VIEL ERFOLG, VIEL NEID


Einst Tellerwäscherin sitzt VERONICA FERRES heute am Tisch der Mächtigen. Das gönnen ihr nicht alle.

Im TVdirekt-Interview spricht die 45-Jährige über einzelne Neider und wahre Fans, über echte Helden und Minister, über Liebe, Ohnmacht und Gerechtigkeit, über ihren Mann und über die Frauen…

Für ihre Kritiker ist Veronica Ferres bis heute „Das Superweib“ (1996), eine ehrgeizige, üppige Blondine. Skeptisch beäugt, wenn sie an der Seite ihres Lebensgefährten Carsten Maschmeyer mit Ministern diniert, Blitzlicht sucht, um fürs soziale Engagement zu trommeln oder im Film bewegende Biografie-Themen besetzt. Wie 2007 im TV-Knüller „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ oder jetzt in der Verfilmung der Erinnerungen „Marco W. – 247 Tage im türkischen Gefängnis“ (Di., 22.3., 20.15 Uhr, SAT.1). Die Presse unterstellt der 45-Jährigen gern, mit Betroffenheit vom Schicksal anderer profitieren zu wollen…

TVdirekt: Eigentlich ist alles über das Schicksal von Marco Weiss bekannt. Warum wird der Film dennoch ein Millionenpublikum fesseln können?
Veronica Ferres: Weil es uns als demokratische Nation im Mark erschüttert hat, dass jeden von uns so ein Schicksal ereilen kann. Wenn man bedenkt, dass ein Übersetzungsfehler genügte, um Marcos monatelanges Martyrium loszutreten…

TVdirekt: Marcos Familie wusste gar nicht, wie ihr geschieht…
Veronica Ferres: Wir reisen alle in diverse Urlaubsländer, informieren uns aber letztlich zu wenig über Gebräuche und Sitten. Wie viele Ehepaare, die sich am Strand, am Pool oder sonst wo in der Öffentlichkeit küssen, wissen denn, dass dies in der Türkei bereits ein Delikt ist, eine Beleidigung der türkischen Kultur?

TVdirekt: Was kann der Film da bewirken?
Veronica Ferres: Es ist wichtig, vor allem auch wenn man mit Kindern in ein Land reist, zu wissen, dass dort andere Gewohnheiten, andere Regeln herrschen, denen wir uns anpassen, ja unterordnen müssen.

TVdirekt: Der Film vermittelt immer wieder das Gefühl der Ohnmacht. Nicht nur bei Marco, auch bei seiner Mutter, die in die Mühlen einer PR-Maschine gerät und plötzlich Schlagzeilen hilflos gegenüber steht. Kennen Sie diese Art von Ohnmacht auch?
Veronica Ferres: Ich sehe das eher entspannt. Wenn Behauptungen verbreitet werden, die nicht der Wahrheit entsprechen, gehe ich einfach zu einem Anwalt. Wir leben ja schließlich in einem Rechtsstaat. Und ich habe wie jeder andere auch ein Recht auf Gerechtigkeit.

TVdirekt: Das hört sich gar nicht ohnmächtig an.
Veronica Ferres: Wissen Sie, ich war 24 Jahre alt, als ich durch „Schtonk!“ von heute auf morgen der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Das war wie ein Vulkanausbruch. Damals habe ich erstmals erleben müssen, dass jemand, der erfolgreich und unabhängig ist, immer auch kritisiert wird.

TVdirekt: Und Sie haben sich daran gewöhnt?
Veronica Ferres: Es lohnt sich nicht, dagegen zu kämpfen. Man muss seinen Weg weiter gehen, indem man jeden Tag sein Bestes gibt. Ich bin nicht da, um allen zu gefallen. Ich bin da, um meinem Talent zu folgen, meinen Weg zu gehen.

TVdirekt: Das klingt sehr abgeklärt. Ist da dennoch Platz für die Gutgläubigkeit, ja Vertrauensseligkeit, die Ihnen Helmut Dietl („Rossini“) zuspricht…
Veronica Ferres: Ich vermute in jedem Menschen, der mir aufrichtig begegnet, das Gute, dass er mit mir zusammen was auf die Beine stellen will. Nicht, dass er mich nur zum eigenen Vorteil benutzt.… Was natürlich auch passiert.

TVdirekt: Sind Sie dadurch nicht misstrauischer geworden?
Veronica Ferres: Leider nicht. Dafür habe ich Menschen wie meine Agentinnen um mich, die mich beschützen. Denn ich bin für eine gute Sache immer sofort Feuer und Flamme. Mit dieser positiven Grundhaltung bin ich groß geworden, mit Tugenden wie Fleiß, Anstand, Hilfsbereitschaft, mit Werten der christlichen Nächstenliebe. Das ist ein inneres Bollwerk, gegen das auch Negativ-Erfahrungen nichts ausrichten können.

TVdirekt: Die Presse liebt Sie nicht so sehr wie Ihr Publikum, spricht statt von sozialem Engagement lieber von Gutmenschelei. Das muss doch auf die Dauer sehr zermürbend sein…
Veronica Ferres: Überhaupt nicht. Denn wissen Sie was? Kein Kind im Arche-Projekt in Friedrichshain, mit dem ich mittags bei Kartoffelbrei sitze, kein Kind, das wir vor sexuellem Missbrauch schützen konnten, kein Kind, das in einem SOS-Kinderdorf ein neues Zuhause gefunden hat, fragt nach einem dieser Zeitungsartikel. Das ist die Antriebskraft für meine Arbeit! Was interessieren mich die paar Einzelgänger, die von sich auf andere schließen?

TVdirekt: Warum also diese Nörgelei?
Die trifft ja nicht nur mich. Die trifft doch all jene Kolleginnen, mit denen mich eines verbindet: Erfolg!

TVdirekt: Neidet man besonders Frauen hierzulande den Erfolg?
Veronica Ferres: Das ist es! Aber wer sorgt denn bei Filmevents im Fernsehen für hohe  Einschaltquoten? Die Frauen! Nichts gegen all die hervorragenden Kollegen. Aber die Frauen bringen die Quote und vielen Männern gefällt das nicht.

TVdirekt: Dabei müsste doch auch Männern Ihre klassische „Tellerwäscher“-Karriere Respekt abringen…
Veronica Ferres: Beim Publikum trifft das zu 99 Prozent zu. Aber nicht bei den Kollegen der schreibenden Zunft.

TVdirekt: Sie haben sich zuletzt in der Presse  deutlich rarer gemacht. Eine bewusste Neu-Orientierung?
Veronica Ferres: Um „Power Child“, einem Verein gegen sexuellen Missbrauch, auf die Beine zu helfen, habe ich die Öffentlichkeit gesucht. Dafür habe ich gerne meinen Namen gegeben. Ich wollte die Gesellschaft, wollte Politiker aufklären. Und schließlich haben wir mit dafür gesorgt, dass Gesetze geändert wurden, von denen Menschen heute profitieren. Das war wichtig. Aber der Verein steht nun auf eigenen Füßen und außerdem hat sich meine private Situation geändert. Ich bin inzwischen allein erziehende Mutter.

TVdirekt: Hat das ihr Privatleben sehr verändert?
Veronica Ferres: Ich bin mittlerweile jeden Abend zu Hause, koche – inzwischen sogar sehr gut. Von Hackbraten mit Kartoffelpüree über zweierlei Pastasorten mit dreierlei Soßen bis zu Stubenküken mit Rosmarinkartoffeln und Rinderrostbraten mit selbst gemachten Pommes frites.

TVdirekt: Aber Sie mutieren jetzt nicht zum Hausmütterchen?
Veronica Ferres: Ich bin einfach mehr bei mir. Daraus schöpfe ich Kraft für wunderbare Projekte. So drehe ich ab März mit Gérard Depardieu den Fernsehfilm "Rasputin" in Russland, den Kinofilm "Vivaldi" mit Ben Kingsley und Jessica Biel und dazwischen fürs deutsche Fernsehen. Abends habe ich die letzten beiden Jahre vor allem mit Nicole Maibaum am Buch „Kinder sind unser Leben“ geschrieben, das 15 bewundernswert engagierte Menschen und ihre Kinderhilfsprojekte vorstellt und ab 14. März im Handel ist. Es ist ein Buch über echte Helden.

TVdirekt: Sie begegnen auch den Mächtigen dieser Welt. Wenn Sie wie auf dem Weltwirtschaftsforum Bill Clinton die Hand schütteln, kann man da die Macht spüren?
Veronica Ferres: Wenn ein amerikanischer Ex-Präsident umringt von seinen Bodyguards den Raum betritt, spürt man das schon. Und sonst? Nein. Das sind ganz normale Menschen. Gerhard Schröder habe ich 1997 auf der „Wetten, dass..?“-Couch kennen gelernt. Und als wir alle nach der Sendung mit Thomas Gottschalk zum Italiener gegangen sind, haben wir bis morgens um fünf geredet und uns in dieser Nacht das „du“ angeboten.

TVdirekt: Nutzen Sie zur Unterstützung Ihrer sozialen Projekte Ihre politischen Kontakte?
Veronica Ferres: Ich kenne sie zwar alle, unsere Minister, die Bundeskanzlerin und auch den Bundespräsidenten. Und natürlich führen wir auch Gespräche über aktuelle Themen. Aber meist geht es doch eher um private Dinge, die Familie, um die eigenen Kinder oder um Urlaubspläne. Ich nutze diese Begegnungen nicht für mein karitatives Engagement. Die Politiker, denen ich wegen der Stärkung der Kinderrechte schon vor zehn Jahren auf die Nerven ging, sind keine Bekannten, die zu meinem Geburtstag kommen.

TVdirekt: Wie viel bekommt Ihre Tochter von Ihrem Engagement für Kinder mit?
Veronica Ferres: Meine Tochter soll nur wissen, dass es Kinder gibt, die auf der Straße leben müssen, die jeden Tag Hunger haben oder nicht wissen, ob sie zuhause Gewalt erwartet. Es ist wichtig, dass schon Kinder lernen zu sehen, was um sie herum geschieht, dass sie überlegen, was sie tun können. Meine Tochter hat zwei Sparbüchsen: Eine für sich und eine für Spenden aus ihrem Taschengeld.

TVdirekt: Sie haben sich Ihr Studium unter anderem als Spülhilfe verdient. Das wird Ihrer Tochter doch wohl erspart bleiben?
Veronica Ferres: Kinder können Geld nur schätzen, wenn sie wissen, was man dafür alles tun muss. Was man am Ende eines Tages für damals sieben Mark und heute vielleicht sieben Euro Stundenlohn geleistet hat. Und was man sich vom ersten selbstverdienten Geld kaufen kann, erfüllt einen mit Stolz.

TVdirekt: Ihr Lebensgefährte hat sich wie Sie aus einfachen Verhältnissen ganz nach oben gearbeitet. Verbindet das auf besondere Weise?
Veronica Ferres: Liebe ist nicht so vorhersehbar, nicht so logisch nachzuvollziehen. Das ist ja das Schöne. Und die Basis eines glücklichen Miteinanders ist Vertrauen, ist Wahrhaftigkeit. Und warum daraus tiefe Liebe entsteht, ist nicht ergründbar. Gemeinsamkeiten über die man sich austauschen kann sind sicher nicht die Basis einer Liebe.

TVdirekt: Was schätzen Sie an einem Mann?
Veronica Ferres: Mich faszinieren Männer, die mit großem Fachwissen viel bewegen. Ob das ein Tauchlehrer ist, dem ich vertrauen oder ein Hausarzt, auf dessen Verlässlichkeit ich auch nachts um zwei Uhr bauen kann. Mich beeindrucken einfach Menschen, die mit besonderer Energie und Kraft in ihrem Bereich etwas auf die Beine stellen, was andere nicht können.

TVdirekt: Und was mögen Sie an Frauen?
Veronica Ferres: Es gibt Frauen-Frauen und Männer-Frauen. Laut Umfragen bin ich eine Frauen-Frau, also bei Frauen noch beliebter als bei Männern. Sie spüren bei mir Solidarität, sehen in mir weniger die Konkurrentin, sondern vielmehr die Freundin. Das freut mich sehr. Denn ich schätze den Schulterschluss. Ich mag Frauen, die sich nicht stutenbissig voll Neid den Mund über diejenigen zerreißen, denen es besser geht.

TVdirekt: Häme und Enthüllungsjournalismus treffen dieser Tage besonders Ihren Lebensgefährten. Möchte man da nicht am liebsten aufspringen und eine Lanze für den Menschen brechen, der einem so nahe steht?
Veronica Ferres: Im Film muss Marcos Mutter ungewöhnliche Wege einschlagen, Politiker angehen, um ihren Jungen, der im Gefängnis nahezu lebensgefährlichen Situationen ausgesetzt ist, freizubekommen. So wie Marco zu Unrecht beschuldigt wird, gibt es das eben auch in anderen Fällen. Dann steht man bedingungslos zueinander, steht diese schwere Zeit miteinander durch. Das ist doch ganz normal! Da bin ich nicht größer oder besser als jede Frau, die zu ihrem Mann steht. Bei zwei Menschen, die miteinander leben, zählt, dass zwischen den beiden alles geklärt ist, dass man die Hintergründe, die Wahrheit kennt. Dann sind Verirrungen einzelner Journalisten vollkommen belanglos.

Interview: Sabine Krempl
 

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