07.12.2016, 11:37 Uhr

Interview mit Thomas M. Stein

Chaos bei DSDS? Das gehört zum Geschäft!

Man ist in dieser Staffel „Deutschland sucht den Superstar“ schon einiges gewohnt: eine Kandidatin, die kollabiert und nur noch sitzend auf die Bühne darf, traumatisierte und verletzte Fans, die ein Autogramm ihrer DSDS-Idole wollten, Polizeieinsätze an der Superstar-Villa, die zur Räumung führten und dann auch noch die technische Schlamperei und ein nachlässiger Moderator Marco Schreyl, die zur Verschiebung des Finales auf den 7. Mai führten…

TVdirekt sprach mit Musikmanager Thomas M. Stein, als Juror einer der Ur-Väter der RTL-Castingshow, über die aktuelle Chaos-Staffel.

TVdirekt: Verkommt DSDS auch ohne Koks-Brüder wie Helmut Orosz und Ex-Knastis wie Menowin immer mehr zu einer Skandalshow?
Thomas M. Stein: Ich sehe keine Steigerung. Schaut man sich die vorangegangenen Staffeln an, angefangen beim Zusammenbruch Daniel Küblböcks über Annemarie Eilfeld und Menowin Fröhlich, dann gehört das ja schon fast zum täglichen Geschäft dazu.

TVdirekt: Neben der Telefon-Voting-Panne, die zur Verschiebung des Finales führte, überschattete vor allem das Drama bei der Oberhausener DSDS-Autogrammstunde die achte Staffel. Ist es okay, dass sich RTL aus der Verantwortung zieht, zumal der Sender das Event auf der Webseite beworben hat?
Thomas M. Stein: RTL deshalb in die Verantwortung zu nehmen, wäre zu viel verlangt. Dann könnte man auch gleich noch die Zeitungen verklagen, die auf die Autogrammstunde hingewiesen haben. Die Organisatoren müssen einfach für so ein Event entsprechend präpariert sein.

TVdirekt: Ist dieser enorme Fan-Ansturm auch Indiz dafür, dass die Kandidaten besonders gut ankommen?
Thomas M. Stein: Er zeigt vor allem die Stärke des Formats „Deutschland sucht den Superstar“! Und er beweist, wie gut eine Kandidatengruppe ankommt, die statt Schlagzeilen mit Knast- und Drogenerfahrungen zu machen, den Fans die Möglichkeit bietet, sich mit dem ein oder anderen wirklich zu identifizieren.

TVdirekt: Wie stark schätzen Sie überhaupt die Bedeutung der Kandidaten für den Erfolg der Show ein – im Vergleich zum Anteil den Dieter Bohlen für sich verbuchen kann?
Thomas M. Stein: Die Kandidaten haben einen sehr großen Anteil am Erfolg. Denn auch wenn Dieter Bohlen den Stil der Show entscheidend geprägt hat sähe doch trotzdem keiner zu, wenn da nur krähende Kühe auftreten würden.

TVdirekt: Sebastian Wurth, der bei der Jury als Sänger immer punkten konnte, musste zuletzt gehen. Wundern Sie sich, warum bei zigtausend Bewerbern aber immer wieder einige in den Endrunden landen, die Mühe haben, die Töne zu treffen?
Thomas M. Stein: Das wundert mich überhaupt nicht. Denn wenn Bohlen sagt: „Du singst grauenvoll!“, wählen die Zuschauer den Kandidaten erst recht weiter. Da zählen dann emotionale Argumente mehr als echtes Talent.

TVdirekt: Da fragt man sich doch, ob das Prinzip der Zuschauer-Entscheidung wirklich sinnvoll ist.
Thomas M. Stein: Sie ist nun mal Teil des Ganzen und es gibt ja auch viele Künstler, die nicht wirklich singen können und dennoch erfolgreich sind.

TVdirekt: Erfolgsgarantie ist die Publikumsentscheidung dennoch nicht …
Thomas M. Stein: Wenn der Gewinner nach der Show sagt, er habe gar keine Lust auf die Pop-Musik, die ihm wochenlang ein Millionenpublikum gebracht hat, braucht er sich nicht zu wundern, wenn sich dieses Publikum von ihm abwendet. Die Fans fühlen sich da betrogen! Deshalb haben auch Elli Erl und Tobias Regner ihre DSDS-Fans verloren. Jemand wie Mark Medlock dagegen, der zu dem steht, was er bei DSDS gezeigt hat, der hat nach wie vor Erfolg. Und auch Alexander Klaws hat sich nach seinem DSDS-Gewinn eine sehr respektable Karriere aufgebaut, mit Top Ten Platzierungen, einer Fernseh- und seiner zweiten Musical-Hauptrolle. Das hätte er ohne DSDS doch nie erreicht.

TVdirekt: Sind manche Gewinner auch einfach zu faul?
Thomas M. Stein: Viele Castingshow-Gewinner begreifen nicht, dass der Erfolg nach der Sendung nicht automatisch kommt. Nach jetzt acht Staffeln DSDS wird es höchste Zeit, dass ihnen mal klar wird, dass es erst nach der Sendung richtig losgeht.

TVdirekt: In der Jury sitzen neben Dieter Bohlen keine Fachleute aus dem Musikmanagement mehr. Stattdessen leidlich erfolgreiche Pop-Künstler. Wie schätzen Sie deren Kompetenz ein?
Thomas M. Stein: Es reicht doch, wenn Dieter Bohlen Erfahrung hat. Fernanda Brandao ist ein wunderhübsches Mädchen. Und Patrick Nuo… Was soll ich über den sagen? Ein netter Kerl. Ließe er sich nicht gerade scheiden, würde gar nichts über ihn geschrieben.

TVdirekt: Was schätzen Sie an Dieter Bohlen?
Thomas M. Stein: Dieter Bohlen muss man nicht mögen. Ich kenne ihn seit über 20 Jahren und schätze ihn für seine Gradlinigkeit, dafür dass er sich nicht verbiegt und zu seiner Meinung steht. Das ist selten heute. Außerdem hat er sich mit seinem Gefühl für Mainstream-Geschmack ein beachtliches Renommee erarbeitet.

TVdirekt: Im Gegensatz zu manchem Ex-DSDS-Juror, sind Sie der Show immer noch gut gesinnt.
Thomas M. Stein: Ich finde es regelrecht verwerflich, wenn ich im Nachhinein über ein Format meckere, bei dem ich zwei Jahre lang mitgemacht habe. Wenn ich die Show beschissen finde, dann mache ich entweder nicht mit oder über meine Kritik, während ich dabei bin. Alles andere ist unehrlich und unehrenhaft. Ich war bestimmt auch nicht immer einer Meinung mit Dieter Bohlen und hab mir mit offenen Worten wenig Freunde gemacht. Aber ich muss doch respektieren, dass sich die Show als Erfolg bewiesen hat.

TVdirekt: Würden Sie auch noch mal am DSDS-Jury-Pult Platz nehmen?
Thomas M. Stein: Ich bin bislang nicht gefragt worden. Aber da ich das Format schon mal über zwei Staffeln begleitet habe, warum sollte ich es nicht wieder tun? Klar wäre ich dabei.

Interview: Sabine Krempl

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