04.12.2016, 00:54 Uhr

Interview mit Matthias Brandt

„Nur nicht nach Fahrplan!“

Als „Polizeiruf“-Kommissar will MATTHIAS BRANDT sein Publikum fordern. Doch der Sender mauert…

Als Münchner Kommissar tritt er zusammen mit Newcomerin Anna Maria Sturm die Nachfolge von Edgar Selge und dem 2009 unerwartet verstorbenen Jörg Hube an. Matthias Brandt hat es bei seiner Premiere in „Cassandras Warnung“ ( So., 21.8., 20.15 Uhr, ARD) als adliger Preuße Hanns von Meuffels nicht leicht in der Bayern-Metropole…

TVdirekt: Haben Sie sich die Münchner Polizeiruf-Folgen Ihrer Vorgänger im Fernsehen angesehen?

Matthias Brandt: Ich habe diese Krimis gern und oft gesehen, schon lange bevor ich als Kommissar im Gespräch war. Der Anlass meines Engagements war ja durch Jörg Hubes Tod ein trauriger. Eigentlich sollte er jetzt seinen fünften oder sechsten „Polizeiruf“-Film vorstellen und ich würde ihn mir ansehen.

TVdirekt: Treten Sie Jörg Hubes Nachfolge mit gemischten Gefühlen an?

Matthias Brandt: Natürlich war das nicht so unbeschwert wie es unter anderen Umständen gewesen wäre und nicht von ungetrübter Freude begleitet. Aber ich reihe mich sehr gerne in die Darstellerriege mit Edgar Selge und Jörg Hube ein.

TVdirekt: Welche Fernsehkrimis mögen Sie am liebsten?

Matthias Brandt: Ich schau mir natürlich auch Action-orientierte US-Serien wie „24“ und viele deutsche Krimi-Produktionen an. Das gehört einfach dazu. Wenn ich mich aber entscheiden muss, gefallen mir die britischen Sachen am besten. „Für alle Fälle Fitz“ ist bis heute eine der tollsten Serien überhaupt und die Wallander-Krimis mit Kenneth Branagh fand ich einfach großartig.

TVdirekt: Welche Rolle spielt Fernsehen überhaupt in Ihrem Leben?

Matthias Brandt: Ich sehe viel fern, und dabei viel verschiedenes. Ich sehe das als Teil meines Berufs und meines Handwerks. Ich hielte es für keine gute Idee, das, was Kollegen machen, nicht wahrzunehmen.

TVdirekt: Sie fahren oft Kilometerlang auf dem Rad durch Ihre Heimatstadt Berlin, um Leute zu beobachten. Was nehmen Sie da mit für sich und Ihre Arbeit?

Matthias Brandt: Menschenbeobachtung ist generell ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Man darf als Schauspieler nicht in so einem künstlichen Kokon existieren. Ich möchte meine Figuren nicht von Fiction inspirieren lassen, sondern vom richtigen Leben. Und wenn ich zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs bin, nehme ich am besten meine Umgebung auf.

TVdirekt: Haben Sie auf diese Weise auch Ihr neues Revier München erkundet?

Matthias Brandt: Ich habe schon öfter in München gedreht, aber durch den „Polizeiruf“ fühle ich mich zugehöriger, als Teil dieser Stadt, die man sich durchaus erobern muss.

TVdirekt: Sie selbst sind Berliner, Ihr Kommissar von Meuffels kommt aus Bremen. Ist das eine Anspielung auf Ihren Lieblings-Fußballclub Werder Bremen?

Matthias Brandt: Dieser Vermutung will ich nicht widersprechen (lacht).

TVdirekt: Wie schwer tut sich dieser Adlige aus Bremen in München?

Matthias Brandt: Er fühlt sich erst mal durchaus fremd. In den weiteren Folgen kann man beobachten wie er diese Fremdheit in einer Art Hindernisparcours überwindet. Er ist ein spröder Preuße in München, der mit entsprechenden Vorurteilen konfrontiert wird. Dabei hat er nichts Piefkehaftes oder Lautsprecherhaft Besserwisserisches an sich. Er hat eher so preußische Tugenden, wie Geradlinigkeit, Mut, Zurückhaltung und Unbestechlichkeit. Ihm ist Sein wichtiger als Schein.

TVdirekt: Der Zuschauer muss also schon etwas Geduld mitbringen, um mehr über den neuen Kommissar zu erfahren…

Matthias Brandt: Ich mag es nicht so gern, wenn Figuren so schnell ausführlich erklärt werden. Das ist doch im Leben auch nicht so. Da lernt man Menschen doch auch nach und nach in verschiedenen Situationen kennen und lässt sich nicht beim ersten Mal den Lebenslauf vorlegen.

TVdirekt: Trotz Anzug und Krawatte verströmt von Meuffels lässige Coolness. Wird er mehr Männer- oder mehr Frauentyp werden?

Matthias Brandt: Freut mich, wenn man die Coolness auch sieht – obwohl ich mit Sicherheit kein Schimanski-Typ bin. Als Schauspieler darf man sich aber nicht zu viele Gedanken drüber machen, wie man ankommt. Das wird sehr schnell spekulativ und ist dann nicht mehr wahrhaftig. Aber so eine Figur muss natürlich auch Charme haben. Da macht ja auch das Zukucken viel mehr Spaß.

TVdirekt: Der erste Polizeiruf- Fall ist ziemlich verzwickt und verlangt vom Zuschauer hohe Aufmerksamkeit. Gefällt es Ihnen, Ihr Publikum so herauszufordern?

Matthias Brandt: Ja! Und ich finde, Regisseur Dominik Graf hat das super gemacht. Man darf das schon als Qualitätsmerkmal des „Polizeiruf“ begreifen, dass in dieser Reihe solche Filme ihren Platz haben.

TVdirekt: Am Ende, wenn von Meuffels den Fall abgeschlossen hat und seinen Triumph für sich mit einem Tänzchen feiert, könnte man meinen, dass da demnächst noch mehr  komödiantische Szene drin sein könnte… Verträgt Ihr Polizeiruf komische Töne?

Matthias Brandt: Klar! All das soll seinen Platz haben. Nicht immer, nicht in jeder Folge, aber als Möglichkeit. Auch das gehört zur Besonderheit der Reihe, dass jeder Film seinen eigenen Look haben darf. Und ich fände das toll, wenn sich da verschiedene Facetten entwickeln. Andernfalls wäre es doch auch langweilig. Das wäre ja als würde man die Folgen wie nach Fahrplan abarbeiten.

TVdirekt: Sie haben oft Episodenrollen in Krimiserien gespielt. Ist damit jetzt Schluss oder dürfen Sie überhaupt noch mal Mörder spielen?

Matthias Brandt: Das ist eine etwas unklare Situation… Andere Polizisten darf ich jedenfalls nicht spielen. Wie das mit Mördern aussieht, weiß ich noch nicht. Die Frage hat sich bislang nicht gestellt, aber ich fände das natürlich gut. Schließlich spiele ich gerne so viele unterschiedliche Rollen wie möglich. Und das Publikum ist bestimmt in der Lage da zu unterscheiden.

TVdirekt: Ihren zweiten Fall „Denn sie wissen nicht, was sie tun…“ um einen Bombenanschlag in einem Münchner Fußballstadion will die Jugendschutzbeauftragte des Senders den Zuschauern nicht vor 22 Uhr zumuten… Wie sehen Sie das?

Matthias Brandt: Mich hat das sehr verwundert, denn es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass dieser Film für Jugendliche unter 16 Jahren nicht zumutbar sein soll. Abgesehen davon ist es für Anna Maria Sturm und mich kein optimaler Start als neues Team, wenn der zweite Fall gleich auf dem Index landet.

Interview: Sabine Krempl

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