07.12.2016, 11:32 Uhr

Interview mit Sebastian Vettel

Faul geht gar nicht!

Erst 24 und schon zweimal Weltmeister! Alles easy? Nein. SEBASTIAN VETTEL tickt ganz anders.

Seit dem Großen Preis von Japan, am 9. Oktober 2011, steht fest: Sebastian Vettel ist vier Rennen vor Saisonende Formel- 1-Weltmeister – jüngster Doppelweltmeister (2010 u. 2011) aller Zeiten! Mit TVdirekt sprach der 24-Jährige über Helden, Erfolge, Ängste und den inneren Schweinehund …

 

TVdirekt: Wie fühlen Sie sich jetzt?

Sebastian Vettel: Ich kann es kaum in Worte fassen, was es mir bedeutet hat, dazustehen, am anderen Ende der Welt, und die zweite Weltmeisterschaft feiern zu dürfen. Besonders habe ich mich über die Gratulation von Michael Schumacher gefreut. Er war doch mein Held, als ich noch ein kleiner Junge war. Mit ihm auf den WM-Sieg anzustoßen, war etwas ganz Besonderes.

 

TVdirekt: Viele haben Ihren zweiten WM-Sieg erwartet. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Sebastian Vettel: Wir haben uns nie erlaubt, uns sicher zu fühlen. Wenn es ein Erfolgsgeheimnis gibt, dann, dass wir unser Ziel mit viel Disziplin verfolgt haben.

 

TVdirekt: Das hört sich nach harter Arbeit an …

Sebastian Vettel: Es steckt so viel Arbeit dahinter! In dem Moment, in dem ich einen Patzer mache, ist doch schon ein anderer vorn. Wir fahren auf so hohem Level, dass man sich Fehler einfach nicht erlauben kann. Und wenn die Versuchung da ist, es ein bisschen schleifen zu lassen, braucht man Leute im Hintergrund, die einen in den Arsch treten. Ich habe viel gegeben, viel geopfert, aber es war keine Quälerei. Da war auch viel Spaß dabei!

 

TVdirekt: Fallen Ihnen Training und Fitness­pro­gramm denn immer leicht?

Sebastian Vettel: Jeder, der trainiert, kennt den Punkt, an dem er seinen inneren Schweinehund überwinden muss. Diese Tage, an denen er lieber faul wäre. Ich denke dann immer an die Ziele, die ich mir gesetzt habe. Den Satz „Hättest Du lieber mal den Hintern hochgekriegt“ will ich nie zu mir sagen müssen. Alleine diese traurige Vorstellung spornt mich an. Man muss immer alles geben. Dann kann man sich später nichts vorwerfen.

 

TVdirekt: Sie sind als jüngster Pilot Weltmeister geworden, waren zuvor jüngster Grand-Prix-Sieger und auch der jüngste Fahrer, der einen Podiumsplatz erreichte. Sie waren sogar der jüngste Formel 1 Pilot der einen WM-Punkt erzielte, ein Rennen anführte und eine Pole-Position errang. Was bedeuten Ihnen Rekorde?

Sebastian Vettel: Jedes Jahr ist eine neue Herausforderung, man schaut Rennen für Rennen und wo ich in 10 Jahren stehe, kann ich nicht voraussagen. Ich fahre wie gesagt Rennen für Rennen und schaue dann, was am Ende herauskommt. Mit Statistik kann ich mich später mal beschäftigen, wenn ich nicht mehr aktiv bin. Das aber wird ja hoffentlich noch etwas dauern.

 

TVdirekt: Gibt es echte Freundschaften unter den Rennfahrern oder sind sie alle immer nur Konkurrenten?

Sebastian Vettel: Am Sonntag sobald die roten Lichter ausspringen sind wir natürlich alle Konkurrenten.

 

TVdirekt: Ihr Beruf erfordert enorme Konzentration. Träumen Sie nachts von Formel 1 Rennen?

Sebastian Vettel: Ja, das kann schon vorkommen.

 

TVdirekt: Welcher Sieg war bislang Ihr schönster?

Sebastian Vettel: Alle Siege waren schön, aber ganz ein besonderes Erlebnis war es, als ich zum ersten Mal in Monza auf dem Podium stehen durfte, als ich 2008 mit Toro Rosso gewonnen habe.

 

TVdirekt: Wie sehr schmerzte da der vierte Platz am Nürburgring beim GP von Deutschland?

Sebastian Vettel: Natürlich fuchst es mich, dass ich ausgerechnet bei meinem Heim-GP noch keinen Sieg einfahren konnte. Es war einfach nicht mehr drin.

 

TVdirekt: Träumen Sie nach zwei Weltmeistertiteln jetzt vom Ferrari-Cockpit?

Sebastian Vettel: Um Ferrari aber auch Mercedes herrscht ein Mythos. Einmal Teil dieses Mythos zu sein, ist für jeden Rennfahrer etwas ganz Besonderes. Auch für mich, da will ich gar nicht lang um den heißen Brei herumreden. Primär möchte ich aber in einem Auto sitzen, mit dem ich Rennen gewinnen und mit dem ich Weltmeister werden kann. Das ist im Moment bei Red Bull der Fall.

 

TVdirekt: Fährt da auch manchmal die Angst mit?

Sebastian Vettel: Wir dürfen sehr glücklich sein, dass die Autos im Vergleich zu früher außerordentlich sicher sind. Heute fährt man jede Runde am Limit und geht viel einfacher an die Grenzen. Natürlich darf man auch heute den Respekt nicht verlieren. Ich würde nicht sagen, dass die Angst mitfährt, aber der Respekt vor der Geschwindigkeit. Jeder von uns hat schon einmal gespürt, wie es ist, wenn man übers Limit geht und einen Abflug hat. Es gibt keinen unter uns, der noch keinen Unfall hatte. Für manche war es schlimmer, für andere glimpflicher. Aber das Gefühl bei einem Unfall ist kein schönes, so etwas vergisst man nicht.

 

TVdirekt: Welches Auto fahren Sie privat?

Sebastian Vettel: Ich habe einen Nissan Infiniti als Firmenwagen.

 

TVdirekt: Wurden Sie schon mal auf der Autobahn geblitzt?

Sebastian Vettel: Gerast wird nur auf Rennstrecke, im normalen Straßenverkehr sollte man keine anderen Leute gefährden.

 

TVdirekt: Was würden Sie beruflich machen, wären Sie kein Rennfahrer?

Sebastian Vettel: Dann wäre ich jetzt wahrscheinlich an der Uni und würde etwas Technisches wie Maschinenbau studieren.

 

TVdirekt: Und wo sehen Sie sich heute in zehn Jahren?

Sebastian Vettel: Diese Frage wurde mir in der letzen Zeit sehr häufig gestellt, oder ob ich in 10 Jahren noch in der Formel 1 bin. In der Formel 1 werde ich so lange sein, bis ich keine Lust mehr habe, wie lange lässt sich schwer sagen. Im Moment liebe ich das, was ich tue: Es ist ein Privileg für mich - immer noch - die schnellsten Autos der Welt am Limit fahren zu dürfen.

Interview: Sabine Krempl
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