04.12.2016, 00:53 Uhr

Interview mit Bjarne Mädel

Gute Serien verkaufen den Zuschauer nicht für doof!

Erst wurde die Reihe „Der Tatortreiniger“ mit Bjarne Mädel (44) als Geheimtipp im Spätprogramm des NDR gefeiert. Jetzt darf die „Stromberg“-Nase am 17. Mai um 21.45 Uhr in der ARD die Mordssauerei aufwischen.

TVdirekt: Die ersten vier Folgen von „Der Tatortreiniger“ liefen Ende Dezember im Nachtprogramm des NDR ohne beworben zu werden. Hat Sie das geärgert?

Bjarne Mädel: Nein, Anfang des Jahres wurde der „Tatortreiniger“  ja noch mal regulär im NDR Fernsehen um 22:30 bzw. 22 Uhr wiederholt. Wir fanden es nur merkwürdig dass auch im Januar dann keine Werbung für das Format gemacht wurde. Was uns ja aber nicht geschadet hat. Die Journalisten konnten so das Format selbst für sich entdecken. Das Ganze hat eine wahnsinnige Aufregung verursacht, was uns viel Aufmerksamkeit gebracht hat.

Wir sind dem NDR sehr dankbar, dass wir den „Tatortreiniger“ überhaupt machen durften und jetzt weitermachen dürfen. So ein kleines Format muss dann vielleicht erstmal seinen Platz und sein Publikum finden…

 

TVdirekt: Dann kamen Erst Preisregen für „Der Tatortreiniger“, jetzt der Sendeplatz um 21.45 Uhr in der ARD. Beinahe märchenhaft... Qualität setzt sich durch?

Bjarne Mädel: Bei der ARD gelandet zu sein, ist ein großer Erfolg. Viertel vor Zehn ist auch eine klasse Zeit, damit können wir sehr gut leben. Ich  bin gespannt, ob so viele Leute einschalten, dass sich die ARD traut, auch die anderen drei Folgen zu zeigen und ich auch dort weitermachen darf. Manchmal entwickelt man ein neues Format und es dauert Jahre, bis man es bei einem Sender „durchbekommt“. Auch den Grimme-Preis kriegt man normalerweise nicht so schnell. Es könnte nicht besser laufen. Wir haben viel Glück, momentan mit den bisherigen vier kleinen Folgen so abzuräumen.

 

TVdirekt: „Der Tatortreiniger“ wird von Kritikern als gute Serie gelobt. Was unterscheidet eine gute von einer schlechten Serie?

Bjarne Mädel: In erster Linie sind es die Texte, die gut sein müssen. So gut, dass man wenig Dramaturgie-Gequatsche hat. Manche Texte im Fernsehen sind doch nur dazu da, selbst den Zuschauer, der gerade in der Küche war, den Film noch verstehen zu lassen. Gute Serien und Filme fordern dem Zuschauer etwas ab, er wird nicht für doof verkauft. Gut kann etwas werden, wenn es gut geschrieben und gut besetzt ist. Außerdem ist Humor so eine Sache. Wenn die Absicht dahinter steckt, komisch sein zu wollen, finde ich es meistens nicht sehr komisch. Das Ergebnis kann gut sein, wenn die Leute ihren Job liebevoll machen, wenn Herzblut in der Ausstattung, den Kostümen, der Kamera steckt…

Außer die Texte sind schlecht! Wenn die Texte schlecht sind, kann man noch so viel Herzblut und Liebe reinstecken, das macht es dann auch nicht besser.

 

TVdirekt: Nehmen Sie auf die Texte Einfluss?

Bjarne Mädel: Wenn es nötig ist, auf jeden Fall. Bei „Mord mit Aussicht“ genießen wir den „Luxus“, im Vorfeld mit dem Hauptcast Leseproben zu haben. Beim Kölner/Leipziger-Doppelpack „Tatort“ etwa fiel z.B. der Satz „Er hat vor zwei Jahren gemordet, vor einem Jahr, vor acht Wochen und das letzte Mal vor vierzehn Tagen.“ Daraufhin sagt Martin Wuttke, ein zum Niederknien großartiger Theaterschauspieler: „Die Abstände werden immer kürzer.“

So eine, die Figuren und Zuschauer verblödende, Dramaturgie versuchen wir bereits bei der Leseprobe zu verweigern.

 

TVdirekt: Was machen Sie, wenn Sie ein Drehbuch zu sehr ärgert?

Bjarne Mädel: Am meisten kann ich auf  schlechte Bücher Einfluss nehmen, indem ich einfach absage. Ich habe Gott sei Dank die luxuriöse Stellung, nicht dringend Geld verdienen zu müssen. Da ist kein Haus abzubezahlen und auch keine Finca auf Mallorca. Ich nehme mir die künstlerische Freiheit, zu sagen, dass mir dieses zu doof oder jenes nicht mein Thema ist. Damit tritt man zwar Leuten auf den Schlips, aber es ist die einzige Möglichkeit, sich nicht verbiegen zu müssen.

Allerdings kenne ich genug tolle Kollegen, die nichts zu tun haben und froh um jeden Drehtag sind, die also gar nicht in der Position sind, eine Auswahl treffen zu können. Von Kollegen die dick im Geschäft sind, verlange ich aber, dass sie sich auch mal verweigern. Das ist ihre verdammte Pflicht! Man kann doch auch nur gut sein, wenn man die Sachen vertreten kann, die man spielt. Wenn ich mir selbst nicht glaube, glauben mir die Menschen auch nicht.

 

TVdirekt: Bei Ihren Serienrollen wie Ernie in Stromberg, Rüdiger in Der kleine Mann und Dietmar in Mord mit Aussicht hat man das Gefühl Bjarne Mädel näher kennen zu lernen… Wie viel von Ihnen steckt in Ihren Figuren?

Bjarne Mädel: Leute, die mich gut kennen, wissen, dass ich privat überhaupt nichts mit Ernie oder Dietmar zu tun habe. Sie erkennen aber meinen Humor. Es stimmt zwar, dass etwas von mir in den Figuren steckt, weil ich etwas investiere, aber es hat nichts mit Bjarne Mädel als Privatperson zu tun.

 

TVdirekt: Fällt es Ihnen nach abgedrehten Staffeln Ihrer Serien eigentlich schwer, Abschied von den Herren zu nehmen?

Bjarne Mädel: Nein, ich halte es für ein Gerücht, dass Schauspieler in ihrer Rolle „klebenbleiben“. Sobald ich abgeschminkt werde, ist die Rolle weg. Ich laufe zwar Monate mit der blöden Friese von Ernie rum, aber ich habe keine schizophrenen Gefährdungen. Es ist was anderes, wenn man in den USA Truman Capote spielt und dafür Millionen Dollar bekommt. Dann würde ich mir auch gern eine Wohnung kaufen, die so aussieht wie Capotes und mit der Stimme von Capote sprechen, wie es Philip Seymour Hoffman gemacht hat.

 

TVdirekt: Sind Sie dank Ihrer Serienrollen reich geworden?

Bjarne Mädel: Ich habe zum ersten mal im Leben ein Plus auf dem Konto. Aber ich bin bei weitem nicht so wohlhabend, wie die Leute vielleicht glauben . Ich habe kein Auto, ich habe kein Motorrad. Aber ich finde es toll, im Restaurant essen zu können, worauf ich Lust habe. Das empfinde ich als die totale Freiheit.

 

TVdirekt: Wann haben Sie sich zuletzt ein Luxusobjekt gekauft?

Bjarne Mädel: Das teuerste war ein Flachbild-Fernseher. Mein altes Röhrengerät, halb so groß wie mein Wohnzimmer, hat am Tag vor meinem 40. Geburtstag den Geist aufgegeben. Das war ein Zeichen! Ich durfte mir endlich einen Neuen kaufen. Darüber bin ich sehr froh, weil ich gerne Fußball gucke und man auf dem Flachbildschirm in HD die Grashalme sehen kann. Das macht schon Spaß. Und ich sehe sehr gerne amerikanische Serien.

 

TVdirekt: Welche sehen sie am liebsten?

Bjarne Mädel: Eine meiner Lieblingsserien ist „Curb your Enthusiasm“, kürzlich hab ich begeistert die U.S. Version von „Shameless“ gesehen. „Damages“ mit Glenn Close ist sensationell, „Breaking Bad“ verschlinge ich. Die Amerikaner sind einfach immer noch einen Tick weiter und mutiger als wir. Und durch einen weltweiten Absatzmarkt haben sie beneidenswert viel Geld für Serienproduktionen.

 

Interview: Melanie Kroiss

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