07.12.2016, 11:37 Uhr

Interview mit Bill und Tom Kaulitz

"Unsere Story ist eine Cinderella-Story"

Bill und Tom Kaulitz sind dieses Jahr neu in der Jury der Castingshow "Deutschland sucht den Superstar", die am 5. Januar um 20.15 Uhr bei  RTL startet. Bekannt und berühmt wurden die Zwillinge mit ihrer Band "Tokio Hotel", mit der sie unzählige Platten verkauft haben und durch alle Herren Länder getourt sind. Trifft man die "Superstars" Bill und Tom, so ist man sofort angenehm überrascht: die beiden sind höflich, zuvorkommend, größer als man denken würde und unterscheiden sich doch klar von einander. Doch bei einem sind sie sich einig – die Show ist ein Riesenspaß für sie – und soll es auch für die Zuschauer und ihre Fans werden…

TVdirekt: Wieso habt Ihr Euch dazu entschieden in die DSDS-Jury zu gehen?

Bill Kaulitz: Wir haben uns für diese Show entschieden, weil sie die erfolgreichste Castingshow ist. Der Gewinner kriegt darüber hinaus den perfekten Einstieg ins Musikbusiness. Er hat einen Nummer-Eins-Hit und ein Erfolgsalbum quasi garantiert und bekommt eine halbe Million Euro. Das ist unfassbar viel Geld, damit kann man danach auch noch sehr viel als Musiker machen.

Tom Kaulitz: Es hat uns auch zeitlich gut gepasst, hätten wir es jetzt nicht gemacht, hätten wir es nie machen können.

Bill Kaulitz: DSDS ist die Show, an die wir am meisten glauben. Ein klassisches Casting mit einer großen Plattform für den Gewinner.

TVdirekt: Hättet Ihr Euch so einen Einstieg auch für Tokio Hotel gewünscht?

Tom Kaulitz: Wir hatten wahnsinnig viel Glück!

Bill Kaulitz: Ja, unsere Story ist eine Cinderella-Story, die es im Musikgeschäft kaum mehr gibt. Wir wurden klassisch im Live-Club in unserer Heimatstadt entdeckt.

Wenn ich zurückblicke, erscheint es mir unglaublich, wie es geklappt hat, dass uns jemand in unserem Stadtclub entdeckte.

Tom Kaulitz: Wir waren absolute Newcomer, bekamen unseren ersten Plattenvertrag mit echt kleinem Budget für Video und Marketing. Dass das so durch die Decke fliegt ohne eine Plattform wie DSDS, ist unglaubliches Glück.

Bill Kaulitz: Gerade heutzutage geben Plattenfirmen nichts mehr aus. Es gibt kaum Talentscouts mehr wie vor zehn Jahren, die Bands suchen und in sie investieren. Als junger Musiker, gerade wenn du aus der Provinz kommst, hast du keine Möglichkeit mehr, dein Talent zu zeigen. Wie willst du es vom Dorf, aus einer kleinen Stadt mit deinem Talent irgendwo hin schaffen? Auch wir wussten damals nicht, wie wir es anstellen sollten, ob und wie wir ein Demo an eine Plattenfirma schicken sollten. Die Show bietet den sehr guten Einstieg ins Geschäft und wenn man erst Mal drin ist, liegt es an jedem selbst, was man daraus macht.

Tom Kaulitz: Ich glaube, dass genau das den Leuten immer bewusster wird! Dadurch bekommen Castings nach und nach einen anderen Ruf, als sie früher mal hatten. Früher sagten die Leute, Casting, muss das sein? Inzwischen wird Casting immer akzeptierter und respektierter. Das Musikbusiness hat sich so extrem verändert, dass es mit die einzige Möglichkeit ist, einen geilen Erfolg hinzukriegen. Wir waren in Deutschland eine der wenigen letzten Bands, die das auf dem natürlichen Weg schaffen konnten.

Heute ist das anders...In Amerika sitzen schon länger große Künstler in den Castingshows als Juroren, um den nötigen Input zu geben.

Bill Kaulitz: Mariah Carrey und Nicki Minaj machen den American Idol. Darüber hinaus sitzen Rocklegende Steven Tyler, Jennifer Lopez, Britney Spears in den Casting-Jurys und sehen sich Leute an, weil das ein guter Weg ist, neue Talente zu finden.

Tom Kaulitz: Wir wollen den Leuten hinter den Kulissen Tipps für eine Karriere geben, ihnen helfen und sie bei ihrem Start ins Musikgeschäft begleiten.

TVdirekt: Wie lief es bei den Castings, habt Ihr echte Talente entdeckt?

Bill Kaulitz: Wir sind guter Hoffnung. Zuerst haben wir neun Tage in Berlin gecastet und hunderte Leute gesehen. Das war anstrengend, muss ich zugeben, hat aber auch Spaß gemacht. Im Recall hatten wir die Auslese aus 71 Talente da. Wie wir später erfahren haben, sind  es normalerweise 120. Wir waren also sehr streng.

Tom Kaulitz: Aber nett streng!

Bill Kaulitz: Wir haben tolle Kandidaten weitergelassen und im Recall 36 ausgesucht, die mit uns weitergehen. Wir sind happy, haben gute Sänger und Persönlichkeiten dabei.

Tom Kaulitz: Beim Recall waren einige, von denen man sich viel aus dem Casting erhofft hat, die aber plötzlich völlig verkackt haben. Bei dieser ersten richtigen Probe sieht man eben, wer dem Druck gewachsen ist und wer nicht. Wir hatten eine Superlocation, die Coaches waren schon am Werk und die Kandidaten hatten nur 24 Stunden Zeit, den Song einzuüben. Ein paar Leute haben enttäuscht und ein paar überrascht.

 

TVdirekt: Wir reagieren die Kandidaten auf Euch?

Bill Kaulitz: Wir kriegen ja nicht mit, was hinter der Kamera passiert, aber es gibt sicher den ein oder anderen, der den Raum verlässt und total loslegt und sich darüber aufregt, was wir gesagt haben. Wir hatten da ein, zwei Kandidaten…

Tom Kaulitz: Es gab eine, der wir mitteilen mussten, dass es nicht gereicht hat. Und da kriegte man Blicke, bei denen man das Gefühl hat, sich erst mal spirituell reinigen zu müssen.

Bill Kaulitz: Einer war da, der echt losgelegt hat. Das war ein Moment in dem ich nur dachte "wow"! Das hätte ich so nicht erwartet. Der wurde echt ungerecht, hat angefangen zu diskutieren und eine Riesenszene gemacht. Er meinte, er fände es scheiße von uns, dass wir  ihn vorführen und lächerlich machen würden. Ich habe ihn gestoppt und ihm erklärt, dass das nicht in unserem Interesse liegt. Jeder bekommt seine faire Chance und wir wollen tolle Sänger haben. Manche können dem Casting nicht Stand halten und fliegen dann raus. Aber das weiß man doch vorher!

Tom Kaulitz: Mal gucken, was die dann Backstage in die Kamera gesagt haben. Das sehen auch wir erst in der Sendung.

TVdirekt: Wie schwer ist es, ein Superstar zu sein?

Bill Kaulitz: Viele Leute sind sich nicht bewusst, was es heißt, dieses Leben zu führen. Es geht bei unserer Auswahl also nicht nur um gute Stimmen und tolle Sänger. Es geht auch darum, wer das ganze Drumherum handeln kann. Dafür ist die Show ein guter Einstieg, denn die Kandidaten bekommen sofort einen Crashkurs. Sie sind im TV am Start und ständig von Kameras umgeben. Sie müssen von Anfang an Interviews geben, in den Liveshows lastet enormer Mediendruck auf ihnen. Wenn du das schaffst, schaffst du auch alles, was danach kommt. Bei den Castings ist es wichtig zu gucken, wer das Zeug dazu hat, so einem Leben Stand zu halten. Wir mussten Kandidaten sagen, dass sie zu jung und zerbrechlich sind, um im Business zu überleben. Dass sie nie so ein Leben führen, es stemmen können, dass es das falsche für sie wäre.

TVdirekt: Ist das Eure Stärke in der Jury? Die Leute diesbezüglich einschätzen zu können?

Tom Kaulitz: Ich würde es jetzt nicht als einzige Stärke bezeichnen…(lacht) Aber unsere Erfahrung ist natürlich von Vorteil. Wir mussten gerade zu Anfang unserer Karriere mit einem großen medialen Druck umgehen, sodass wir gut nachvollziehen können, welche Phase die Leute gerade durchmachen.

TVdirekt: Inzwischen lebt ihr vor allem in Los Angeles. Trifft man da auf der Straße Stars und geht auf einen Kaffee?

Tom Kaulitz: Klar haben wir in L. A. mit anderen Künstlern zu tun. Aber es ist nicht die Regel, dass man Stars auf der Straße trifft, eher ein Mythos glaube ich. Aber da fragst du echt die Falschen...(lacht)

 

Interview: Melanie Kroiss/TVdirekt

(c) RTL / Andreas Friese

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