07.12.2016, 11:37 Uhr

Interview mit Dieter Nuhr

„Ich will mich von der Bühne schießen lassen“
„Hallo. Ich bin Dieter Nuhr, und Sie?“, sagt der 45-jährige Comedian und Kabarettist mit leiser Stimme und schüttelt Hände. Er sieht schmächtig aus, seine schwarzen Haare werden von weißen Strähnen durchzogen. Langsam und bedächtig geht er durch das Hotelzimmer und setzt sich in eine Ecke des Sofas. „Das Obst ist aus, aber Kekse sind noch da“, Dieter Nuhr deutet auf den Tisch. Unvermittelt lacht er. Hat er gerade einen Scherz gemacht? Hat er einen Strudelwurm entdeckt?

Zum Thema „Intelligentes Leben“. Sie sagten, ein Strudelwurm stünde am Ende der Intelligenzkette. Was ist denn ein Strudelwurm?
Der Strudelwurm ist die dümmste Lebensform. Der Strudelwurm hat ein Gehirn, das nur aus einer Nervenverdickung besteht. Das ist gar nichts. Deshalb haben die auch kein Erinnerungsvermögen, was wieder intelligent ist, sich nicht zu erinnern, jeden Moment neu zu erleben. Der Strudelwurm steht jeden Tag an der selben Stelle und denkt sich „Mensch, hier war ich noch nie“. Ist doch super.

Für Ihre Show „Gibt es intelligentes Leben?“ sind sie auch nach Österreich gereist. Sind Sie dort fündig geworden?
Ich berichte ja über verschiedene Lebensformen. Ich war in Gurktal (Kärnten), wo es einen Gartenzwergpark gibt. Die Österreicher sind ja ein sehr kunstvolles Volk, und der Gartenzwerg ist das am häufigsten zitierte bildhauerische Motiv der europäischen Kunstgeschichte. In sofern hat es mich sehr interessiert, diesen Park anzusehen. Wenn man nach intelligentem Leben sucht, muss man in Gurktal anfangen.

In einem Ihrer Programme meinten Sie mal „Der Mensch unterscheidet sich von anderen Wirbeltieren im Grunde nur durch den Führerschein“. Ist er nun intelligent oder nicht?
Ja und nein. Es gibt Aspekte die dafür, Aspekte, die dagegen sprechen. Er verbraucht 20 Prozent seiner Energie mit seinem Gehirn. Dafür macht er relativ wenig draus. Über Millionen von Jahren ist unser Gehirn entstanden. Eines der großen Geheimnisse der Menschwerdung: Wozu braucht der Mensch so ein Gehirn? Das alles hätte er doch auch mit dem Rückenmark erledigen können. Es gibt keine schlüssige Erklärung dafür, warum sich das Gehirn des Menschen so stark entwickelt hat. Er kann keinen Vorteil daraus ziehen, nur der Energieverbrauch erhöht sich. Tiere gehen da sehr viel ökonomischer vor. Der Strudelwurm zum Beispiel.
Es gibt eine Quallenart die sich einen Platz sucht, an dem sie wohnen möchte, sich dahin setzt und anfängt, ihr eigenes Gehirn zu verdauen. Das finde ich, ist mal eine intelligente Lebensform. Das Verhalten habe ich allerdings auch schon beim Menschen beobachtet.

Sie sind jetzt 45, stehen seit 17 Jahren auf der Bühne und möchten 120 Jahre alt werden. Wollen Sie also noch 75 Jahre Ihren Job machen?
Ja. Ich will mich von der Bühne schießen lassen. Ich sehe keinen großen Sinn darin, vorher aufzuhören. Den richtigen Moment gibt es eh nicht. Man hört auf und muss dann plötzlich morgens mit Hut raus, das ist nicht meine Lebensform. Meist geht man ohnehin erst von der Bühne ab, wenn einen keiner mehr sehen kann. Es hängt mit der Profilneurose zusammen, die der Beruf irgendwann notwendiger Weise erzeugt, weil ich morgens aufwache und mir denke „Warum klatscht keiner?“

Dieter NuhrSind Sie Kabarettist oder Comedian, oder beides?
Ich kann Ihnen kaum sagen, wie wurscht mir das ist. Ich habe immer versucht dazwischen zu liegen. Ich bin im Grunde Komiker. Auf der anderen Seite rede ich auch über wichtige Dinge. Über Leben, Nahrungsaufnahme oder so. Also das, was uns alle angeht. Bin also in so fern Kabarettist. Ich sehe keinen Widerspruch. Allerdings ist es so, dass sowohl Kabarettisten als auch Komiker Feindbilder brauchen, um ihr Überleben zu rechtfertigen, deshalb schießen Sie aufeinander. Kabarettisten können kaum ein eineinhalb Stunden Programm machen, ohne auf Komiker zu schimpfen. Wahrscheinlich weil sie neidisch sind, dass die lustig sind. Und die Komiker schimpfen dann immer auf die Kabarettisten, weil sie Gehirn haben und das auf der Bühne auch zeigen. Ich weiß aber nicht genau wie das Feindbild funktioniert. Ich versuche, irgendwie unterhaltsamen Humor zu machen und gleichzeitig nicht ganz blöd zu sein.

Es wird dieses Jahr mit Ihnen wieder einen Jahresrückblick bei Sat.1 geben. Was ist denn bis jetzt alles passiert?
Deutschland bewegt sich langsam in Richtung Anarchie und Unregierbarkeit. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man sagte, Anarchie sei machbar. Und heute zeigt es sich, dass das stimmt. Wir brauchen gar keine Regierung. Es geht ganz normal weiter. Das Land auf diesem Weg zu begleiten, empfinde ich als großen Privileg. Ich bin der Begleiter auf dem Weg zur Unregierbarkeit.

Und was passierte von den politischen Ereignissen mal abgesehen?
Wir sind Papst! Der Papst ist zum Popstar geworden, was mich sehr wundert, weil ich andere sehr viel musikalischer finde und denke, dass sie bessere Texte haben. Ich weiß nicht, warum Millionen Menschen nach Köln reisen um Herrn Ratzinger zu sehen. Das wäre in meiner Jugend ausgeschlossen gewesen. Ich hätte auch seinen Wagen nicht gekauft. Obwohl: Man stellt sich oft die Frage „Würden Sie von diesem Mann einen Gebrauchtwagen kaufen?“ Beim Papst wäre ich mir da nicht sicher. Den hat er wahrscheinlich über die Vatikanbank finanziert.

Weiter?
Sport spielte natürlich eine große Rolle. Der Niedergang Deutschlands im Sport. Wir müssen schon unsere Pferde dopen, um oben mitreiten zu können. Fußball? Ganz schrecklich. Ich glaube, wenn man zurück blickt auf Deutschland, hat man die Funktion eines Bestattungsunternehmens. Geht alles nieder. Ich muss dringend gute Laune machen, muss das auffangen, muss Mut machen. Wir sind in jeder Hinsicht dabei, uns selbst aufzulösen. Mensch, das wäre doch ein gutes Thema: „Das Jahr der Selbstauflösung“.

Auf was darf man sich den 2006 freuen?
Na ja, Komiker werden oft missverstanden. Wir sind keine Propheten, auch wir wissen das nicht so genau. Wir wissen nur was war, nicht was kommt. Das ist ein große Missverständnis. Ich bin jedenfalls optimistisch und freue mich darauf. Vielleicht haben wir nächsten Jahr auch keine Regierung.

Und die Fußball-WM?
Okay. Dann sollte man sich mal lieber nicht freuen. Vielleicht kann man die einfach überspringen, man weiß es nicht genau. Ich werde mal einen Selbstversuch machen. Ich mache nächstes Jahr den Jahresrückblick doch lieber in Italien.

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