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Interview mit Christoph Maria Herbst
Foto: Christoph Maria Herbst
„Wir sind dabei, uns an die Frauen anzuwanzen!“
Herbst und Fans sei Dank, „Stromberg“ ist wieder da. Und das schon in der dritten Staffel. Was nach den schwachen Einschaltquoten der ersten Folgen 2004 niemand für möglich gehalten hätte trifft ein: Der schwer zu bemitleidende und erbärmliche Sprüche ablassende Chef Stromberg greift auch 2007 hart und nicht sonderlich herzlich durch. Wir trafen den „Stromberg“-Darsteller Christoph Maria Herbst (*9. Februar 1966 in Wuppertal) in München zum Interview. Gut gelaunt, so redselig wie eh und je und drei Milchkaffees in 30 Minuten schlürfend, erzählt uns von Frauen, keinen Haaren und Kniescheibenalbträumen…

Langenscheidt bringt ein Lexikon mit dem netten Titel „Chef-Deutsch/Deutsch-Chef“ heraus.
Ja, das hab’ ich auch gelesen. Aber ich bin in die Produktionsprozesse nicht wirklich involviert.

Haben Sie denn gar nichts hinzugetan?
Ich bin ja nicht Stromberg, ich spiele ihn nur. Seien Sie jetzt nicht schockiert, aber: Stromberg ist fiktional!

Nein! Was sagen Sie dazu?
Eine Superidee, so ein Lexikon auf den Markt zu werfen. Es ist, rein produktions- und betriebswirtschaftlich gesprochen, nicht ganz ungeschickt, mich auf das Trittbrett von Mario Barth und Susanne Fröhlich zu schmuggeln. Aller guten Dinge sind drei, und ich glaube, drei solcher Langenscheidt-Lexika kann der Markt vertragen.

Wieso sollte man sich das Buch zulegen?
Ich könnte mir vorstellen, dass der ein oder andere gewisse Einsichten erhält, wenn er das Lexikon durchblättert. Nach dem Motto: was könnte der Chef jetzt damit gemeint haben? Wobei natürlich der humorvolle Zeigefinger über dem ganzen schwebt. Es ist nicht nur ein Buch für Subalterne, sondern auch ein Buch für Chefs und solche, die es werden wollen. (Er überlegt) Eigentlich für jedermann! Es ist eine Familienpackung, eine Rundum-sorglos-Familienpackung. Das wollen wir ja auch mit Stromberg sein, was wir aber noch nicht ganz geschafft haben.

Inwiefern?
Stromberg ist eher ein männeraffines Programm. Wir sind aber immer mehr dabei, uns an die Frauen ranzuwanzen. Und das wird uns in der dritten Staffel auch gelingen.

Wie wollen Sie das anstellen?
In der dritten Staffel ist das Thema „Stromberg und die Frauen“. Das ist der wesentliche Faden, der sich durch diese acht Folgen plus „Best of“ zieht. Wenn ich Ihnen sage, dass mindestens drei von den acht Folgen als Titel den Vornamen von Frauen haben, sieht man schon, in welche Richtung der Hammer da baumelt, um Stromberg jetzt mal frei zu zitieren. Die Suche nach Frischfleisch treibt den Stromberg in der dritten Staffel um. Seine Frau hat ihn ja vor die Tür gesetzt, und den Subaru mit Allradantrieb hat sie auch mitgenommen, also ist ihm nicht viel geblieben. Und jetzt sucht er seine Mitte wieder in der anderen Spezies, statt bei sich selbst.

Es gibt seit neuestem auch ein „Stromberg“-PC-Spiel…
Seit Februar, ja. Finden Sie das übertrieben mit der Vermarktung?

Na ja, ich enthalte mich. Aber was macht man denn in dem Spiel? Ist das eine Art Counterstrike mit Kaffeetassen?
Es ist total abgefahren! Die Entwickler des Spiels sind totale Nerds, die gleichzeitig auch Computerfreaks sind und eine Firma gegründet haben. Und diese Firma hat einfach, weil sie solche Fans der Serie sind, richtig viel Kohle in ein „Stromberg“-PC-Spiel investiert. Erst dann sind sie zu Brainpool, der Produktionsfirma der Serie. Mein Produzent legte mir dann gleich ein komplettes Layout am Computer vor, und das war sehr lustig. Das Spiel ist wie jedes andere PC-Spiel aufgebaut. Wenn man beispielsweise auf die dicke Erika, wie Stromberg sie bezeichnet, Torten wirft, und sie die fängt, kriegt man einen Punkt.

Äh...
Das tolle an dem Spiel ist, dass es immer am PC standby bleiben kann. Soll heißen, wenn der Chef kommt, drückt man schnell Delete oder Enter oder was auch immer, und es ist weg. Wenn der Chef um die Ecke ist, drückt man wieder auf einen Knopf und es geht weiter. Es kann in unfassbaren acht Minuten hochgeladen werden und es ist so liebevoll wie eben möglich gemacht worden. Im Stromberg-Büro ist sogar der kleine Kaktus zu sehen, der auf dem Schreibtisch steht. Selbst die Capitol-Tasse siehst du. Wenn man länger hinguckt, kann man ganz viele Details sehen.

Die Fans von Stromberg haben nach der ersten Staffel bewirkt, dass es eine zweite geben wird. Wieso hat ausgerechnet Stromberg so viele „radikale“ Fans?
Ich glaube, wir haben einfach die richtigen Fans, die nicht beliebig sind, denn sie haben sich für Stromberg entschieden und sind im wahrsten Sinne des Wortes fanatisch. Und das ist eher selten. Bei Christian Ulmen war es wohl mit „Mein neuer Freund“ auch ähnlich. Dort haben die Fans sogar Pro Sieben (PRO 7) mit Petitionen bombardiert und im Internet eine Unterschriftenaktion mit tausenden von Unterschriften gestartet wurde. Mensch, das kenne ich noch aus den 80er Jahren, beim Versuch, die Startbahn West zu verhindern. Da sieht man mal, wie entpolitisiert die Welt mittlerweile ist …

Jedenfalls hat es mir fast die Tränen in die Augen getrieben. Zum einen, weil natürlich auch Arbeitsplätze an Stromberg hängen. Zum anderen, weil wir so viel Spaß bei dieser Arbeit haben. Man kann nicht quantifizieren, in welchem Maße die Petition dazu beitrug, dass Stromberg weiterging, denn ProSieben stand ohnehin immer hinter diesem Projekt. Aber man darf die Unterschriftensammlung nicht unterschätzen, weil sie wohl für einen positiven psychologischen Effekt gesorgt hat und ein eindeutiges Signal dafür war, wie die Fans von Stromberg ticken. Das war ein Faszinosum. Wichtig ist, dass die Richtigen Zuschauer gucken.

Aber die Quote ist doch das non-plus-ultra…
Wenn Stromberg von 10 Millionen Leuten geguckt würde, hätten wir was falsch gemacht. Denn dann wäre es ein Massenphänomen Das wollte Stromberg nie sein. Dessen sind sich das Format und der Sender bewusst. Deshalb ist auch jeder damit zufrieden, dass wir uns immer um den Senderschnitt herum aufhalten.

Was hat Stromberg, was Sie nicht haben?
Keine Haare. Und einen ganz schlimmen Kinderschänderbart. Außerdem jede Menge schlechter Eigenschaften, die in mir auch angelegt sind und die ich für Stromberg bis zur Kenntlichkeit aufgeblasen habe. In uns allen ringt das Gute mit dem Bösen, und es ist schön, das in einer Figur ausleben zu können. Dieses Maß an Tücke, an Großmannssüchtigem, an Raffinesse, aber auch an Dummheit, das kenne ich von mir durchaus … nicht. Aber das macht es spannend, diese Figur zu spielen.

Im Frühjahr sind Sie auf SAT.1 in der Mini-Serie „Die schlimmste Woche meines Lebens“ (AT), einem adaptierten englischen Format, zu sehen. Was war denn der schlimmste Tag Ihres Lebens?
Das war ’85.

Ja?
Da war ich 19, und ich hatte eine Knieoperation wegen eines Patellalateralisations-Syndroms bei beidseitiger Dysplasie und einer Luxation beziehungsweise einer Subluxation der rechten Patella …

Also was mit der Kniescheibe!
Ja. Haben wir letztlich alle, weiß nur keiner. Jedenfalls war das eine sehr unangenehme OP, und es stand buchstäblich auf Messersschneide, ob sich das Bein versteift. Und das war ein sehr beschissener Tag, weil die Idee im Raum stand, es könne so sein. Ich kann mich erinnern, dass es wie in einer schlechten Soap war: Ich wimmerte dem Oberarzt, der sich gerade anschickte, den Raum zu verlassen, hinterher „Herr Doktor, werde ich jemals wieder gehen können?“ Und der Arzt dreht sich um und sagt „Herr Herbst, das wollen wir doch hoffen“ und macht die Tür hinter sich zu. Das war natürlich genau das, was ich nicht hören wollte. Er hatte mich also so wimmernd zurückgelassen, und ich fiel weinend in meine Kissen. Großaufnahme. Jingle, Wegblenden in die Werbung. Das war einer der schlimmsten Tage meines Lebens.

Und die Moral von der Geschicht’?
Es hatte auch was Gutes: Ich musste nicht zum Bund. Ich wurde T5 (also untauglich) geschrieben.

Haben Sie Angst, dass es in Folge der Christoph-Maria Herbst-Beschallung im TV und Kino („Die Aufschneider“, „Neues vom Wixxer“ ab 22. März) 2007…
… endlich mal ein Herbst-freies Jahr geben wird?

…zu einem Christoph-Maria-Herbst-Supergau kommt?
Ja!

Ach so?
Deshalb mache ich keine täglichen Serien. Lieber Mini-Serien, die in sich abgeschlossen sind und nur gute zwei Monate laufen. Das kann man verkraften. Bei den Kinofilmen heißt es gleich „Bah, guck, der hat vier Kinofilme gemacht!“ Aber das sind ja keine Hauptrollen. Das sind Kurzauftritte, verhältnismäßig kleine Rollen. Es sind viele Projekte, deshalb meint man, ich mache viel oder gar zu viel. Ehrlich: Mir macht es Spaß, viele verschiedene Eisen im Feuer zu haben. Und es gab auch Zeiten, in denen ich all dies nicht machen konnte, weil mich keiner ließ. Wahrscheinlich weil ich der Einzige war, der mich kannte.

Schauen wir doch noch ein bisschen in die Zukunft: Wer sollte der Nachfolger von Sabine Christiansen werden?
Frank Plasberg. Ein Mann, der auch mal weiterfragt, wenn andere sagen würden „Ich geb’ mal kurz in die Werbung ab“ oder nur noch mit einem Lächeln reagieren. Der gibt nicht nach. Frank Plasberg ist auf eine gute Weise fies, charmant und immer einen Tick schneller als die Politiker, die immer so unfassbar eloquent sind . Und er hat natürlich auch noch eine ganz andere Frisur als Sabine Christiansen. Kommt also viel zusammen. Ich fürchte nur, dass er letztlich für den Sonntagabend nicht stromlinienförmig genug ist. Aber es wäre eine Belebung für den Polittalk. Denn ich kann auf Dauer die ewig gleichen Generalsekretäre nicht mehr sehen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie in einer großen WG zusammen mit Sabine Christiansen wohnen und sich letztlich nur die Sitzordnung ändert.

Wer sollte den Deutschen Comedy Preis 2007 als bester männlicher Hauptdarsteller gewinnen?
Ich natürlich … nicht. Das wäre das dritte Mal in Folge, und wir wollen es nicht übertreiben. Auch diese Show soll ihren hohen Unterhaltungswert behalten und hätte ihn verloren, wenn man vorher schon wüsste, wer’s wird. Das ist dieses Anke-Engelke-Phänomen. Als Anke im fiktionalen Bereich noch richtig aktiv war mit „Ladykracher“ und der „Wochenshow“, konnte man die Uhr danach stellen, dass beim diesjährigen Comedy-Preis Anke wieder irgendwas mit nach Hause nimmt. Das war irgendwann ermüdend.
Sagen wir mal so, ich hätte nichts dagegen, wenn ich auch dieses Jahr wieder einen Preis bekäme, gerechtfertigt wäre es aber nicht, weil es viele gute Leute gibt. Und beim Comedy-Preis, da brauchen wir uns nichts vormachen, geht es um eine sehr überschaubare Familie, da ist jeder irgendwann mal dran. Diese Illusion muss man dem Preis nehmen, wenn er sie überhaupt hat. Letztlich kommt der Comedy-Preis auf jeden oder jeden zweiten mal zu.
Aber zurück zu Ihrer Frage: Christian Ulmen, für „Dr. Psycho“ (ab 26.3. auf PRO 7). Ich habe Ausschnitte davon gesehen, Christian macht das prima. Da wäre er gut aufgehoben.

Warum wird 2007 Ihr Jahr?
Das ist doch nur eine These. Aber gut, wenn ich mich darauf mal einlasse … Weil ich weniger arbeiten werde, weil ich mich mit den Sachen, die ich 2006 gemacht habe, 2007 gerne zeige und gerne promote. Und ich werde 41. Marschiere also mit großen Schritten auf die 50 zu. Was soll mir da noch passieren? Alles super.


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