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Interview mit Hanns Zischler
Foto: Hanns Zischler
„Im Bett lese ich Comics“
Hanns Zischler (Jahrgang 1947) gilt seit Jahren als großartig aufspielende Institution des deutschen Film (u. a. „Im Lauf der Zeit“ 1976, „23 – Nichts ist so wie es scheint“ 1998, „Die fetten Jahre sind vorbei“ 2004). Spätestens mit seinem Auftritt in Steven Spielbergs „München“ (2005) hat er sich auch im Ausland einen Namen gemacht. Der Zischler kann alles – außer lustig? – Jetzt ist der „seriöse, böse Gentleman“ in einer ganz untypischen Rolle im TV zu bewundern: Als unmöglicher Vater von Psychologe Max Munzl (Christian Ulmen) in „Dr. Psycho“…


Sie in einer Comedy-Serie? Das ist doch unvorstellbar!
Wieso? Ich habe große Lust, komische Rollen zu spielen. Doch in den Gehirnen vieler Produzenten überwiegt die Vorstellung, dass ich ein seriöser, böser Gentleman bin.

Was sind Sie denn in „Dr. Psycho“?
Ein bierernster Vater, der seinen Stiefel durchzieht. So wirke ich auf eine groteske Weise idiotisch. Das macht mir natürlich Spaß.

Wie finden Sie die Arbeit Ihres „Sohnes“ Christian Ulmen?
Er hat eine Art von geschärfter Nichtwahrnehmung. Er nimmt auf eine ganz bestimmte Weise die Menschen nicht wahr, so dass es den anderen auffällt. Er stolpert durch Szenen wie ein Verlegenheitsgentleman.

Wie bringt man Menschen zum Lachen?
Man muss sie übertölpeln, mit etwas überraschen, mit dem sie nicht rechnen. Stummfilmstars wie Buster Keaton oder Chaplin haben diese kalkulierte Pointe geschafft. Und das ohne Worte! Eine ungeheuerliche Leistung.

Über welchen Film können Sie lachen?
„Being There“, der letzte Film von Sellers ist einfach fantastisch. Auch von „King of Comedy“ von Martin Scorsese mit Robert DeNiro und Jerry Lewis kann man sehr viel lernen. Allein die Kombination aus diesen drei Legenden ist schon einzigartig.

Auch Sie haben schon in US-Kinofilmen mitgewirkt. Zuletz in „München“ von Steven Spielberg…
Spielberg ist wahnsinnig bemüht und versteht sein Handwerk. Die Atmosphäre am Set war unheimlich harmonisch. Druck und Anspannung sind Spielberg völlig fremd. Er
ist ein offener, generöser, in Einverständnis arbeitender Mensch und Künstler. Das empfand ich als erfrischend und belebend.

Wie unterschied sich der Dreh vom deutschen Kino?
Der größte Unterschied ist der ungeheuer große Aufwand. Die Vorbereitungen sind langfristig und irrwitzig genau. Es gab keine einzige Panne. Die darf es auch nicht geben, weil so eine Produktion so viel kostet.

Mit Ihrem Auftritt in „München“ haben Sie einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht. Wie kamen Sie überhaupt zu der Rolle?
Spielberg wollte einen Film ohne Amerikaner drehen und bekam über seinen europäischen Caster Namen genannt und Fotos gezeigt. Dann ging es darum, diese 5-er Gruppe zu etablieren, diese kleine Gang, die vogelfrei marodierend durch Europa zieht. Ich nehme an, ich habe in dieses Schema gepasst. Spielberg und ich haben uns unterhalten und dann spürt man nach... Godard würde sagen nach zwei Sekunden… ob die Chemie stimmt.

Es gab kein Casting?
Nein. Ein Casting ist sowieso ein ungleicher Wettbewerb. Der Regisseur hat eine ganz bestimmte Vorstellung vom Profil und von der Entwicklung der Rolle und ich weiß ihm gegenüber nichts. Ich weiß nicht, bin ich der, der ich bin oder der für den er mich hält, oder wer soll ich sein? Casting ist eine Lotterie.

Kamen Sie auch abseits des Drehs mit den Kollegen ins Gespräch?
Man redet viel miteinander. Wenn man schnell dreht, hat man viel Zeit dafür. Wir haben uns sehr viel unterhalten. Vor allem über das Kino. Es war eine schöne Zeit.

Kann man mit einem Regisseur wie Steven Spielberg über das Drehbuch oder Dialoge diskutieren?
Kann man. Vor allem deshalb, weil Drehbuchautor Tony Kushner immer dabei war. Aber ich hatte so gut wie nie das Bedürfnis dazu. Das Buch war unglaublich gut durchdacht. Man hätte schon wahnsinnig genau hinschauen müssen, um einen Fehler zu entdecken. Und ich bin durchaus kritisch. Ich mache mir Gedanken darüber, wie Dialoge laufen, was sie bedeuten. In vielen Filmen reden alle Menschen gleich, als wäre da nur eine Figur, die man in Szenen aufteilt. In dieser Beziehung sind die Amerikaner viel feiner, schärfer und profilierter. Aus dem fertigen Film wurde übrigens so gut wie kein Dialog oder Zitat von mir herausgeschnitten. Das ist der Beweis dafür, wie genau sie vorgedacht haben.

Sie bedienen in Ihrer Arbeit so viele Sinne und Organe. Auge, Ohr, Hirn. Filme, Hörbücher, Bücher. Haben Sie eine Lieblingsdisziplin?
Meine Lieblingsdisziplin ist der Wechsel. Das was ich mache, versuche ich mit Leidenschaft zu machen. Aber die Leidenschaften wechseln. Viele können es sich nicht vorstellen, sowohl zu schreiben als auch zu spielen, weil das gegenläufige Prozesse sind. Aber das ist einzig und allein eine Frage des mentalen Trainings und der Leidenschaften.

Mit welcher Leidenschaft verdienen Sie Ihren Unterhalt?
Durch spielen. Ich wünschte, dass Schreiben besser entlohnt würde. Mein Kafka-Buch („Kafka geht ins Kino“) wurde in neun Sprachen übersetzt, aber ich habe damit so gut wie nichts verdient.

Sie haben ein Buch über James Joyce geschrieben, der wiederum Autor des Ungetüms „Ulysses“ ist. Einige Kollegen mussten das Buch in der Schule lesen…
Nein, das glaub ich nicht. Das ist gelogen.

Wieso?
Das sind Sprüche. So was liest man nicht in der Schule. Man liest dieses Buch vielleicht einmal im Leben, zweimal wenn man sich damit befasst. Aber in der Schule… das ist reine Angeberei. Sie haben es bestimmt behandelt. Das heißt, sie haben ein Kapitel gelesen und das war‘s.. Meine Ferndiagnose: Nachweislich nicht gelesen.

Was lesen Sie im Bett?
Im Bett lese ich Comics.

Das Interview wurde geführt von Melanie Kroiss.


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