Schauspiel tut weh!
Die ARD-Räuberballade „Zwölf Winter“, in der Jürgen Vogel (40) mit Kumpan Axel Prahl Banken in der Provinz ausplündert, basiert auf einem wahren Fall, der Deutschland zwölf Jahre lang in Atem hielt …
Herr Vogel, sind Gangster eine aussterbende Spezies?
Diese Art von Bankraub stirbt wirklich allmählich aus. Heute wird alles über Internet abgewickelt, Wirtschaftskriminalität hat den Bankraub ab-gelöst. Insofern hat der Film schon fast was Historisches…
Das hört sich ja fast nostalgisch an.
Na ja, Bankräubern haftet jetzt nicht gerade was Romantisches an. Aber den Film zu drehen hat schon was von einem Kinderspiel. Jeder von uns hat doch Räuber und Polizist gespielt.
Der Film basiert ja auf einem wahren Fall...
Es ist die Geschichte von zwei Jungs, die auf die schiefe Bahn geraten sind. Und mich hat interessiert, wie deren Alltag aussieht.
Haben Sie den wirklichen Bankräuber, Mike Rödesheim, getroffen?
Als ein Besuch möglich war, hatte ich leider keine Zeit. Aber da wir ja keinen Dokumentarfilm drehten, finde ich das nicht schlimm. Ich will ja nicht das Original imitieren, sondern die Figur so spannend und gut wie möglich interpretieren. Kennen gelernt hätte ich ihn aber schon gern.
Sie spielen Mike, das Gehirn des Bankräuber-Duos. Sind Sie auch so ein Tüftler?
Ich weiß nicht so recht. Im Pläne schmieden bin ich nicht so gut.
Ihr Kompagnon ist Axel Prahl…
Wir ergänzen uns sehr gut, decken die unterschiedlichen Figuren prima ab. Axel spiet ‘nen Typen, der ‘nen Igel in der Tasche hat, megasparsam. Mike dagegen will sein Leben genießen und verprasst das Geld. Das ist der Charakterzug, der mir selbst sehr nahe ist.
Genießen Sie Ihr Leben gerade? Sie sind ein populärer Star.
Die größere Popularität hat da keinen Einfluss. Ich bin eh kein Roter-Teppich-Typ, habe ein sehr stabiles Umfeld und bin nach über 20 Jahren im Geschäft gegen Versuchungen gut gewappnet.
Sie sind bei „Schillerstraße“ regelmäßig im Fernsehen zu sehen und spielen mit Mario Barth in der Kinokomödie „Männersache“. Sind Sie ein Publikumsmagnet?
Ich glaube, dass die Leute nicht für Schauspieler ins Kino gehen. Von ganz wenigen Stars mal abgesehen, zieht kein Name das Publikum ins Kino. In erster Linie zählt, ob die Leute Bock auf Thriller, Drama oder Komödie haben. Erst dann kucken sie, wer da mitspielt.
Wollen Sie sich als Regisseur einen lang gehegten Traum erfüllen?
Es ist eher so wie mit der Schauspielerei. Ich spiele, weil ich spielen muss. Und so ist es eben auch mit allen anderen Sachen. Wenn man das Talent für eine bestimmte Sache hat, kann man ja nichts dafür. Man muss eben lernen, damit umzugehen und dann muss man es einfach machen.
Sie müssen? Sind Sie nicht gerne Schauspieler?
Wenn man die Arbeit ernsthaft macht, tut die Arbeit auch mal weh. Denn es gibt so viele Zeiten, die hart sind. Dann musst Du wie jeder andere in deinem Job kämpfen. Da wirst du zu keinem besonderen Menschen, nur weil du Schauspieler bist. Wenn es dir eh beschissen geht, kann es ziem-lich hart sein, eine Figur im Drogenmilieu zu spielen. Ich habe viele solche Typen gespielt, hässliche Realitäten erzählt, die es eben auch gibt. Dann fühle ich mich weniger wie ein Schauspieler, sondern mehr wie ein Streetworker, der sich nach der Arbeit auf den Weg zurück in das Leben macht, das man genießen kann. Das ist für mich manchmal gar nicht so leicht.
Fällt Ihnen das mit den Jahren leichter?
Ich möchte das mal mit einer Notfall-Ambulanz vergleichen. Wenn man das macht, muss man auch irgendwie damit klar kommen. Mann will und muss ja funktionieren.
Also das Älterwerden auch Positives für Sie?
Ich find’s super! Mit 40 bin ich endlich nicht mehr der Berufsjugendliche.
Wie echt sind Sie, wenn man Sie in Talkshows im Fernsehen sieht? Studieren Sie die Rolle des schlagfertigen Kaspers ein oder sind Sie wirklich so?
Viele Schauspieler verstehen sich als neutrale Persönlichkeit, die sich in jede Richtung zu wandeln vermag. Ich war nie so neutral. Ich bin ein überdrehter Spinner, mit viel kindlicher Energie und Ungeduld, der sich auch so benimmt. Und bevor es mir zu langweilig wird, mache ich mir halt lieber einen Spaß daraus, von dem ich den anderen auch gern etwas abgebe.
Wenn Sie nicht so neutral sind, steckt dann immer ein Stück Jürgen Vogel in Ihren Rollen?
Ich muss eine Haltung zu meiner Figur haben, in der ich einen Film durchlebe, eine Nähe empfinden. Das ist nicht einfach und mancher mag sagen: „Pah, der spielt sich immer nur selbst.“ Aber ich will was von mir da rein packen. Ich habe so viele verschiedene Dinge in mir, die ich in all den Rollen zeigen kann.
Wo würde das alles hinführen, wenn Sie nicht den demagogischen Lehrer in „Die Welle“, den spießigen Polizisten in „Durch die Nacht“ oder den Vergewaltiger in „Der freie Wille“ spielen könnten?
Wahnsinn, wenn ich das wüsste! Vielleicht würde ich dann malen oder singen?
Sie haben doch eine Band.
Die Hansen-Band. Wir kommen alle aus Hamburg, Thees Uhlmann von Tomte, Marcus Wiebusch von Kettcar und ich. Und wir sind im gleichen Alter. Am besten gefällt mir, dass sich die Band mit den Jahren weiter entwickelt hat. Das Leben verändert sich eben, man kriegt Kinder, man wird älter, man fühlt anders. Und wenn man dazu stehen kann, ist das geil.
Wäre Musik nicht eine Alternative zur Schauspielerei?
Ohne Musik wäre ich schon tot. Musik begleitet mein ganzes Leben, gibt ihm immer den passenden Rhythmus. Ich speichere Erinnerungen immer mit Musik ab. Ich spreche und bewege mich auch in einem bestimmten Rhythmus. Im Film wie im Leben. Und wenn zwischen mir und einem an-deren Menschen der Takt nicht stimmt, wenn die Melodie im Gespräch nicht zusammen passt, dann steige ich bald aus.
Auch am Set sind Sie gern der Kasper oder?
Immer der Klassenkasper. Ich habe eh so viel Energie. Und bevor ich hier meine Lebenszeit verwarte, bis ich dran bin, gehe ich lieber zum Be-leuchter und mach ein paar Witze.
Und da fällt es Ihnen nicht schwer, auf den Punkt konzentriert in die Rolle zu fallen?
Gar nicht. Die Rolle ist ja fertig im Kopf und wartet nur darauf, dass die Klappe fällt. Das ist, als ob bei mir einer auf Play drückt und es genau an der Stelle weiter geht, wo ich zuvor aufgehört habe. Wie bei einer CD, die ich gut kenne. Da weiß ich die Abfolge der Songs ja auch ganz genau.
Und wie lange können Sie sich das merken?
Bis abgedreht ist.
Und dann ist alles weg?
Ich musste mal wegen eines Kopierschadens nachdrehen. Da musste ich den Text komplett neu lernen und dann mich selbst spielen. Das war gar nicht so leicht, denn schon einen Tag später kann man eine Rolle, eine Szene ganz anders sehen und interpretieren. Aber wenn man nachdreht geht das nicht, es muss ja zu allem anderen passen.
Wie ist es dann für Sie, Filme nach Jahren wieder zu sehen, in denen Sie ge-spielt haben?
Ich weiß wieder genau, was ich gedacht und gefühlt habe, wieso ich das so und nicht anders gespielt habe. Aber es ist wie ein Blick in eine andere Zeit. Ich seh‘ mir da mit ziemlich viel Abstand zu.
Sind Sie sich dann selbst fremd?
Man baut sich doch auf wie ein Haus, zu dem immer wieder ein Stockwerk dazu kommt. Und wenn man zurückschaut, sieht man den Keller, die Mitteletage und würde vielleicht heute anders bauen, als vor zehn Jahren, kann aber so auch ganz gut damit leben. Ich denke darüber nicht so viel nach.
Setzt sich Ihr Haus aus lauter kleinen Rollen zusammen, wie diese Gesichter auf Plakaten, die aus lauter kleinen Filmbildern bestehen?
Hmm… Nee, das wäre nur ein Teil, nur eine Möglichkeit von mir.
Eine Möglichkeit, wie Sie auch im wirklichen Leben sein könnten?
Schauspielern ist die Möglichkeit, verschiedene Leben zu leben und da-durch Erfahrungen zu sammeln, die Du in deinem wirklichen Leben nie machen könntest. Es ist als ob man Rollenspiele in einer Therapie macht, um zu bestimmten Erkenntnissen zu gelangen. Man kann besser verstehen, was in einem Arschloch abgeht, wenn man mal eins gespielt hat. Das verschafft einem einen gewissen Vorsprung.
Manche Rollen grenzen doch aber auch ans Peinliche.
Als Schauspieler ist es deine Aufgabe, die Figur zu spielen. Du kommst ihr dabei so nahe, wie kaum einem anderen Menschen. Das schafft eine Form großer Intimität. Du kennst ihre Beweggründe, weißt, warum sie sie sich so oder so anzieht, sich zum Affen macht. Du betrachtest deine Figur niemals von außen, bewertest sie nicht und findest sie also auch nicht peinlich.
Aber man ist sich doch selbst manchmal peinlich. Oder kennen Sie das nicht?
Das ist was anderes. Natürlich kenne ich das. Privat bin ich ein ganz normaler Mensch. Obwohl mir nur weniges peinlich ist.
Interview: Sabine Krempl