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Interview mit Maria Furtwängler zu "Die Flucht "
Foto: Maria Furtwängler
„Durchlebt, durchlitten und geschafft“
Der ARD-Zweiteiler „Die Flucht“ erzählt von Deutschen aus Ostpreußen, die im letzten Kriegswinter 1944 vor der russischen Armee fliehen. Lena Gräfin von Mahlenberg (Maria Furtwängler) führt den Treck vom Gut ihres Vaters übers vereiste Kurische Haff bis nach Bayern. TVdirekt sprach mit Maria Furtwängler über tapfere Frauen, preußische Tugenden und Dreharbeiten in Eis und Schnee.

Lena ist eine aufrechte Nazi-Gegnerin. Hätten Sie die Hauptrolle auch übernommen, wenn Lena überzeugte Nationalsozialistin wäre wie ihre Freundin Babette?
Das hätte ich auch spannend gefunden, eine Figur in ihrem schmerzhaften Begreifen zu erzählen. Aber neben dem aktiven Mitläufer Heinrich, dem verblendeten Nazi Fritz und Babette, wäre die Geschichte damit vielleicht etwas überfrachtet gewesen. Und Lena scheut nicht, die Hilfe der Nazis zu nutzen, um ihre verschwundene Tochter zu finden. Das latente Paktieren mit dem Teufel ist Gang und Gebe. Sauber bleibt keiner.

Die unverbesserliche Nazi-Rolle übernimmt ein Hitlerjunge, Fritz. Eher ungewöhnlich, oder?
Jungs und Mädchen lebten in Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel, Kraft durch Freude und Kinderlandverschickung ja wie in einer großen Pfadfinderwelt, verbrämt mit der Vorstellung, die Tollsten, die Herrenmenschen zu sein. Es geht in dem Film aber nicht um eine kritische Betrachtung des Nationalsozialismus, um Mitläufer oder Fanatiker. Es geht ganz klar um das Leiden der Zivilbevölkerung. Wir wollten erzählen, was mit dem Menschen nach dem Zusammenbruch passierte.

Und da schlägt, wie Lenas Vater sagt, die Stunde der Frauen…
Es gibt so viele Kriegsfilme, die das Leiden der Männer, der Soldaten erzählen. Wir erzählen, was die Frauen durchlebt, durchlitten, aber auch geschafft haben. Eine Freundin gab mir die Erinnerungen ihrer Großtante zu lesen, die tatsächlich als Adlige mit ihrer Tochter los geritten ist und ihre Leute mitgenommen hat. Das war gar keine Frage, das gehörte zu ihrer sozialen Verantwortung.

Eine ähnliche Geschichte wie die Lenas?
Man kann das nicht verstehen, ohne sich mit dem Wertekanon des Preußentums auseinanderzusetzen. Da steht ganz oben die Verpflichtung der Gesellschaft, die Verantwortung den anvertrauten Leuten gegenüber. Das steht ganz klar über persönlichen oder familiären Interessen. Für Lena bedeutet das, anstatt erst mal nach ihrer verschwunden Tochter zu suchen, den Flüchtlingstreck von ihrem Gut weg aus der Reichweite der russischen Armee zu bringen. Eine Haltung, die für uns heute kaum vorstellbar ist.

Imponiert Ihnen diese Haltung?
Ich denke wir könnten uns schon manchmal eine Scheibe davon abschneiden. Es geht eben nicht immer nur darum: Wie fühl ich mich jetzt gerade? Ist mir das auch recht? Ist der andere auch lieb zu mir? Es täte uns allen ganz gut, uns in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

Alles verlieren, Zuhause, Besitz, gesellschaftliche Stellung… Ist das Albtraum oder auch Chance?
Es ist sicherlich beides. Denn alle Standesvorstellungen sind durch den Krieg durcheinander gewirbelt. Für Lena ist es ein Sturz von ganz oben nach ganz unten. Aber im Gegensatz zu ihrem Onkel wird sie sich in der neuen Ordnung zurechtfinden. Für die unendlich wohlhabenden Aristokraten und Gutsherren aus Preußen muss es mehr als schwierig gewesen sein, am Ende ihrer Flucht in Bayern als Lumpenpack, als Abschaum widerwillige Aufnahme zu finden.

Sie haben die Fluchtszenen während des harten Winters 2006 in Litauen und Bayern gedreht. Eine anstrengende Drehzeit, oder?
Wenn man sich selber die Hände und Füße abfriert, sich immer wieder auf das schroffe Eis fallen lassen muss und sich die Haut dabei aufreißt, kann man sich besser einfühlen, als wenn man im warmen Studio dreht. Und es gab Momente, in denen ich begann, mir Leid zu tun. Aber dann dachte ich nur: Wie kann ich mich angesichts dessen, was die Menschen wochenlang an Kälte, Hunger ertragen mussten, hier beschweren? Die Alten erfroren schon in den ersten Nächten und die Windeln der Babys froren ein. Da fühlt man sich doch ziemlich lächerlich, wenn man eben noch über kalte Füße oder Hände klagen wollte. Wir haben wirklich keine Ahnung, was die mitgemacht haben.

Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg ist immer noch ein zwiespältig diskutiertes Thema. Haben Sie sich eine abschließende Meinung bilden können?
Man darf über diesen traumatischen Verlust von Heimat und Wurzeln sprechen, auch über das Leid, das über die Zivilbevölkerung hereinbrach. Das waren Hitlers letzte Opfer. Es soll die Schuld der Deutschen nicht schmälern, dass man auch von diesem Teil der Geschichte erzählt. Vielleicht auch, um loslassen zu können, um akzeptieren zu können, dass die Gebiete für immer verloren sind und es kein Zurück gibt.

Interview: Sabine Krempl




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