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Interview mit Thomas Kretschmann
Foto: Thomas Kretschmann
Er ist einer, der es in Hollywood geschafft hat: Thomas Kretschmann (46) spielte im Blockbuster "King Kong", stand zuletzt mit Angelina Jolie in "Wanted" und mit Tom Cruise in "Valkyrie" vor der Kamera. Dennoch ist er sich nicht zu fein fürs deutsche TV, spielt für die ARD Pilot Schumann in "Mogadischu" und ist bei PRO 7 "Der Seewolf". Wir trafen Kretschmann alias Wolf Larsen an Bord der "Ghost"...

Kennen Sie noch die „Seewolf“-Verfilmung von 1971, Herr Kretschmann?
Thomas Kretschmann: „Der Seewolf“ mit Raimund Harmstorf gehört zu meinen frühesten Fernseherinnerungen. Aber ich habe mir den Vierteiler nicht als Vorbereitung für die Rolle angesehen. Ich verlasse mich da lieber auf meinen Instinkt. Damit fahre ich meistens gut.

Auch das ZDF ließ den Roman neu verfilmen...
Mir persönlich ist das ziemlich egal. Für mich zählt nur unser Film.

Wolf Larsen führt an Bord ein brutales Terror-Regime.
Larsen ist nicht nur ein Unsympath, er ist auch eine schillernde Figur, ein echtes Alphatier, unberechenbar. Ein Leitwolf, dem man seine Position nicht streitig macht – es sei denn über seine Leiche...

Liegen Ihnen diese Typen schauspielerisch?
Generell versuche ich mich mit meinen Rollen so weit wie möglich von meiner Person weg zu bewegen. Ich suche in den Figuren keine Parallelen zu mir selbst. Mir ist das unangenehm, wenn ich auf der Leinwand Ähnlichkeiten mit mir entdecke, denn es ist nicht mein Job, ich selbst zu sein.

Reizen Sie deshalb so unterschiedliche Rollen, wie Johannes-Paul II. oder der Nazi-Scherge Adolf Eichmann?
Am liebsten ist es mir, wenn die nächste Rolle das genaue Gegenteil von der vorherigen ist. In dem Jahr, in dem ich den Papst, den Kannibalen und den Kapitän in „King Kong“ spielte, ist mir das am besten gelungen.

Wie bei „King Kong“ drehen Sie wieder auf einem Schiff...
Es ist ein wundervoller Arbeitsplatz. Ich könnte mein Leben auf dem Wasser verbringen. Beim Dreh zu „King Kong“ habe ich segeln gelernt. Ich fand, das muss man als Kapitän können und bei so großen Hollywoodproduktionen kann man so was schon mal aushandeln.

Wie lebt es sich eigentlich in Hollywood?
Natürlich könnte ich auch in Deutschland leben. Aber es läut doch gut für mich in Hollywood, warum sollte ich weg gehen? Ich lebe in Los Angeles und wenn ich morgens aufwache scheint zu 95 Prozent die Sonne. Das ist für mich nicht unerheblich.

Haben Sie nie Heimweh nach Deutschland?
Ich bin einer, der eher Fernweh als Heimweh hat. Ich gehe gerne weg und ich finde es wichtig, zu wissen, wann man gehen, wann man aufhören muss. Ich bin mit 20 Jahren aus dem Osten abgehauen, habe in Westdeutschland, Italien und Frankreich gelebt und lebe jetzt seit zehn Jahren in L.A.. Richtig verwurzelt bin ich nirgendwo, aber dafür komme ich überall schnell klar. Ich fühle mich weder deutsch, noch europäisch oder amerikanisch. So versuche ich auch meine drei Kinder zu erziehen. Ich nehme sie mit zu Dreharbeiten in aller Welt, weil ich der Meinung bin, dass sie da mehr lernen, als wenn sie in der Schule sitzen. Ich bin stolz auf meine Kids. Die finden sich überall zurecht, sind von fremden Sprachen, Sitten und Gewohnheiten nicht verunsichert sondern sind neugierig und aufgeschlossen. Das finde ich wichtig.

Sind Sie unstet?
Im Gegenteil: Ich habe Ausdauer, schließlich bin ich als Langstrecken-schwimmer zehn Jahre lang 20 km pro Tag geschwommen. Bis ich feststellte, dass es zum Weltmeistertitel nicht reicht. Und für den Quatsch „Dabei sein ist alles“ bin ich nicht zu haben. Ich will Grenzen austesten. Im Leben und im Beruf. Ich will wissen, was möglich ist. Das kann natürlich auch mal daneben gehen. Wie zuletzt beim Wasserski fahren, da hat es mich in der letzten Runde hingeschmissen und mir das Trommelfell zerrissen.

Leben Sie denn auch richtigen Alltag?
Wenn ich zuhause bin, dann bin ich derjenige, der früh aufsteht, Kaffee und Frühstück für die Kinder macht, die Kids zur Schule bringt, kocht...

Dann sind Sie nicht der Star?
Wenn ich abends nach Hause gehe ist das Thema Film für mich erledigt, mein Freundeskreis ist nicht in der Branche verwurzelt. Wie soll man denn Ge-schichten übers Leben erzählen, wenn man keine Berührung mit dem Leben da draußen hat, nichts er-lebt?! Je länger ich zwischen Drehs Zeit mit meinen Kindern verbringe, desto weniger erschreckt mich die Vorstellung, keine Filme mehr zu drehen. Mein Beruf ist definitiv eine Bereicherung, aber nicht mein ganzes Leben.

Was bedeutet Ihnen dann der Erfolg?
Der größte persönliche Erfolg ist, wenn ich mich auf der Leinwand sehe und es mir nicht peinlich ist. Und das Maximum ist, wenn ich für ein paar Sekunden vergesse, dass ich da mitspiele. Mir ist wichtig, wenn Kollegen, die ich toll finde, zu mir kommen und mir sagen, dass sie meine Arbeit gut finden. Ein Lob eines Zuschauers, den man berührt hat, das ist wahrhaft schön.

Sie wollten auch als Stauffenberg in „Valkyrie“ die Menschen berühren, spielen jetzt – nachdem Ihnen Tom Cruise die Hauptrolle weg geschnappt hat – eine Nebenrolle.
Zu „Valkyrie“ möchte ich mich nicht mehr detailliert äußern. Nur so viel: Wenn man Pech gehabt hat, Konstellationen nicht gestimmt haben und etwas nicht geklappt hat, ärgert man sich. Es wäre blöd zu behaupten, es wäre anders. Die Chance ist verpasst und das wird immer ein bisschen wehtun. Aber letztlich bin ich dann sehr pragmatisch und spiele eine Figur, wenn ich sie spannend finde. Egal, was andere davon halten. Am Ende spiele ich nur fürs Publikum.

Kratzt das nicht am Ego?
Eitelkeit ist wie Ängstlichkeit. Beides habe ich nicht nötig. Ich mache vier Filme im Jahr, arbeite mit Kollegen und Regisseuren zusammen, die ich richtig toll finde, zu denen der Kontakt über den Film hinaus besteht. Ich kann mich aus-toben, ohne zu fürchten, dass ich dafür eins auf die Mütze kriege. Ich habe dadurch gelernt, frei zu leben und zu arbeiten.

Gibt es ein Schlüsselerlebnis für ihre Definition von Freiheit?
Als ich aus dem Osten abgehauen bin. Da hab ich mir geschworen: Jetzt bist Du frei in jeder Form. Und wenn man die Angst vor der Freiheit überwunden hat, dann kann man fliegen.

Interview: Sabine Krempl



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