Wahrheit aus Kabul
Auslandsreporter, wie Ulrich Tilgner, die für TV-Sender aus Krisen- und Kriegsgebieten berichten, setzen oft ihr Leben aufs Spiel. Doch der Sonderkorrespondent, der Jahre lang fürs ZDF aus Afghanistan, dem Irak und dem Iran berichtete, schmeißt jetzt hin und wird durch RTL-Kollegin Antonia Rados ersetzt. Wir haben bei Ulrich Tilgner nachgefragt, warum er aufhört und wie die Lage vor Ort wirklich ist.
Herr Tilgner, Sie haben viele Jahre fürs ZDF aus verschiedenen Krisengebieten berichtet. Warum verlassen Sie den Sender?
Vor allem weil es Probleme in der Berichterstattung über Afghanistan gab. Aber auch wegen der Entwicklung von Nachrichtensendungen immer näher hin zum Unterhaltungsformat.
Mit Antonia Rados hat sich der Sender rasch Ersatz besorgt. Ärgert Sie das?
Nein, das ärgert mich nicht. Ich kenne Antonia Rados schon viele Jahre aus verschiedenen Kriegen. Und da bei RTL noch weniger Platz für Nachrichten ist, als beim ZDF, kann ich den Wunsch, sich zu verändern sehr gut verstehen.
Sie haben in einem Interview angedeutet, dass eine unabhängige Berichterstattung vor allem aus Afghanistan mit Rücksicht auf Regierungsinteressen immer schwieriger wird. Was heißt das genau?
Ich spüre eine deutliche Favorisierung der Bundeswehr in der Berichterstattung. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass Kollegen aller Sender von der Bundeswehr ins Land gebracht werden. Das führt zu einer Überbewertung der Rolle der Bundswehr vor Ort und gibt ein sehr verzerrtes Afghanistan-Bild wieder.
Was heißt verzerrt?
Probleme vor Ort die auch das Auftreten der Bundeswehr mit sich bringt, werden beschönigt.
Heißt das, die Beiträge, die wir im Fernsehen sehen, sind einseitig?
Das trifft mit Sicherheit auf viele Beiträge zu. Kürzlich sah ich eine ARD-Dokumentation, die offensichtlich bedacht darauf war, Bundeswehrsoldaten in Afghanistan als regelrechte Gutmenschen zu zeigen. Wie dabei die Rolle deutscher Entwicklungshelfer oder jener Afghanen, die sich vor Ort abmühen, übergangen wurde, hat mir regelrecht die Sprache verschlagen. In diesem Zusammenhang möchte ich nicht berichten.
Heißt das, die Presse hat ihre kritische Distanz verloren und verlässt sich zu sehr auf Angaben offizieller Stellen?
Das ist in sehr vielen Fällen richtig. Ich war in Afghanistan, als im August 2007 eine deutsche Entwicklungshelferin entführt wurde. Während die Presse bei uns die Befreiung der Frau als großen Erfolg der afghanischen Polizei feierte, die das Versteck der Entführer anhand ihrer Videobotschaft entlarvt haben wollten, mochte ich in diesen Jubel nicht einstimmen. Schließlich war ich vom Geheimdienstchef schon einen Tag zuvor an diesen Ort gelotst worden. Im Nachhinein gehe ich davon aus, dass die Polizei in die Entführung verwickelt war. Und während die Geschichte durch das riesige Presse-Echo eine Eigendynamik bis zur Danksagung des deutschen Außenministers bei norwegischen Soldaten entwickelt, die gar nicht beteiligt waren, steh ich hilflos in Kabul und kann nichts Spektakuläres berichten, weil das alles nur eine große aufgeblasene Rummel-Story ist. Da will ich einfach nicht mitmachen.
Haben Sie selbst schon die Einflussnahme offizieller Stellen gespürt?
Bei einem Anschlag heißt es regelmäßig, es sei eine Tat der Taliban, wird aber ein Deutscher entführt, versucht man die Täter als normale Kriminelle hinzustellen. Bei der Entführung von Rudolf Blechschmidt war das so.
Welche Absicht steckt dahinter?
Das hat politische Gründe. Man muss mit Entführern vielleicht Kontakt aufnehmen und verhandeln. Vor der Öffentlichkeit tut man das lieber mit Kriminellen als mit Mitgliedern der Taliban. Dabei waren Blechschmidts Entführer natürlich dem Taliban-Geflecht zuzurechnen. Aber der Druck, der auf Journalisten ausgeübt wurde, von Kriminellen zu sprechen oder zu schreiben, war während der Blechschmidt-Entführung im Sommer 2007 extrem.
Was ist die Folge?
Die kritische Berichterstattung nimmt ab. Denn sie ist sehr mühselig, erfordert genaue und zeitaufwendige Recherchen und Standfestigkeit gegenüber Politikern und Lobby-Gruppen. Und dann gibt es für Hintergrundberichte meist nur sehr späte Sendeplätze. Das ist eben ein Trend in unseren Medien. Mit Dokumentationen über den Irak oder Afghanistan kann man keine großen Quoten erzielen. Das muss man so anerkennen. Aber dafür muss ich mich auch nicht am Hindukush oder zwischen Euphrat und Tigris abackern.
In Deutschland wird derzeit diskutiert, ob Bundeswehrsoldaten in den umkämpften Süden Afghanistans geschickt werden sollen. Wäre eine Berichterstattung in dieser lebensgefährlichen Region überhaupt möglich?
Aus dem Süden ist Berichterstattung nur schwer möglich, aber wirklich entscheiden kann man das nur vor Ort. Für mich ist es kein Zufall, dass ich in der vergangenen Woche im Irak unterwegs war und andere Kollegen nach Afghanistan geschickt wurden.
Gestern Teheran, heute Bagdad, morgen Dubai, übermorgen Kabul? Ist das der Alltag für Sie als Auslandskorrespondent?
Das ist eher Zufall. Die meiste Zeit bin ich in Teheran und reise dann ein- zweimal im Monat nach Afghanistan oder in den Irak. Aufenthalte im Irak, also in Bagdad, müssen aus Sicherheitsgründen immer sehr kurz gehalten werden.
Sie reisen jetzt nach Afghanistan. Wie muss man sich das Leben eines Reporters dort vorstellen?
In Afghanistan gibt es nicht diese Jagd auf ausländische Journalisten wie im Irak in den beiden vergangenen Jahren. Im Wesentlichen sind es nur zwei Gefahren: Eine mögliche Entführung und ein Terroranschlag. Also muss man darauf achten, dass Fahrtrouten nicht bekannt sind und dass keine Routinen entstehen. Natürlich kann immer an dem Kontrollposten, durch den man fährt. eine Bombe hoch gehen. Im Iran, wo ich die meiste Zeit bin, besteht diese Gefahr überhaupt nicht.
Wie sammeln Sie die Informationen für Ihre Berichte?
Ich habe mir in Jahrzehnten ein Netzwerk an Informanten und guten Kontakten zur Bevölkerung geschaffen. Ich bin sicher ein Fremder, aber hoffentlich kein Fremdkörper mehr in dieser Region. Das hilft nicht nur, Informationen zu bekommen, sondern erleichtert auch, mich relativ sicher in der Region bewegen zu können.
Zählen dazu auch deutsche Soldaten?
Eher nicht, obwohl ich natürlich Kontakt zu deutschen Soldaten habe. Aber die meisten leben relativ abgeschirmt und sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung zu treffen. Außerdem sind die Deutschen nur vier Monate in Afghanistan stationiert und nur etwa ein Drittel hat regelmäßig Kontakt mit der afghanischen Bevölkerung.
Sind Sie immer frei von der Angst, entführt zu werden und fürchten nie um Ihr Leben?
Die Angst ist nicht präsent. Das ist wie bei jemandem, der auf dem Hochbau arbeitet und den ein falscher Schritt das Leben kostet. Der denkt auch nicht unentwegt darüber nach. Und das ist wichtig, denn das eigene Verhalten ist ausschlaggebend, wenn eine Situation eskaliert.
Was sind das für Situationen?
Wenn Sie jemanden interviewen, den andere im Dorf für einen Verräter halten, wenn sie zum Beispiel an der Seite von US-Soldaten, die in einem Konflikt stehen, auftreten oder die Machtansprüche von Stämmen ignorieren, reagieren die Menschen in Afghanistan und im Irak aufgebracht. Und wenn sie dann falsch reagieren oder nicht auf die Menschen zugehen und deren Regeln akzeptieren, kann Gewalt ausbrechen. Aber im Allgemeinen sind die Menschen im Orient überhaupt nicht ausländerfeindlich. In Gegenteil: Es gelten in der Regel sehr schnell die Gesetze der Gastfreundschaft.
Hat Ihre Familie in Deutschland nicht Angst um Sie?
Meine Frau und meine Kinder sind sehr gut informiert und haben schon deshalb weniger Angst. Auch die Erfahrung, dass es eben doch nicht so riskant ist, wie viele vermuten, hat dazu beigetragen. Außerdem bin ich die meiste Zeit im Iran, wo ich entgegen der gängigen Annahme, überhaupt nicht gefährdet bin.
Sie werden ab dem Frühjahr vor allem fürs Schweizer Fernsehen arbeiten. Wird man Sie dann im Zweiten gar nicht mehr sehen?
Derzeit arbeite ich noch für „heute“, drehe eine Dokumentation für Phoenix, berichte über die Wahlen im Iran und plane eine Dokumentation zum fünften Jahrestag des Irak Krieges fürs ZDF. Weiter plane ich zurzeit nicht.
Warum gehen Sie ausgerechnet zum Schweizer Fernsehen?
Die Schweiz hat eine lange Tradition der Neutralität, das erleichtert die Berichterstattung aus Krisengebieten. Außerdem ist der Schweizer Fernsehzuschauer stärker politisch interessiert als der deutsche. Das ist für mich das ideale Umfeld.
Interview: Sabine Krempl
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