"Ich bin keine Nachricht"
Nach 15 Jahren als „Mr. Tagesschau“ nimmt Ulrich Wickert (*2.12.1942) seine Krawatten und widmet sich von nun ab verstärkt seiner Karriere als Buchautor.
Der in Tokio geborene und in Heidelberg und Paris aufgewachsene Wickert studierte zunächst in Bonn Politische Wissenschaften und Jura. 1962 erhielt er ein Stipendiat an der Wesleyan University in Connecticut/USA. Nach dem ersten juristischen Staatsexamen begann er in den ausgehenden 60er Jahren als Autor bei der ARD, wo er kurz darauf als Redakteur angestellt wurde. Hierauf ging es Schlag auf Schlag für den Weinliebhaber: Redakteur bei „Monitor“, Korrespondent in Washington, Korrespondent des Frankreichstudios der ARD, Leitung des Studios in New York.
Nach all den Jahren der journalistischen Tätigkeit zieht sich Wickert zwar zurück, hat aber nicht vor sich abzumelden. Denn zu viele Anekdoten aus dem Leben des Fernsehmannes sind noch unerzählt.
Haben Sie für Ihre letzte Sendung am 31.8. etwas Besonderes vor?
Nein, habe ich nicht. Eine Nachrichtensendung ist eine Nachrichtensendung, und ich bin keine Nachricht.
Am 23.8. zeigt die ARD „Adieu Mr. Tagesthemen Ulrich Wickert“. Sind Sie auf so ein filmisches Porträt stolz?
Stolz ist das falsche Wort, ich fühle mich geehrt. Dadurch, dass die ARD mir solch eine Sendung widmet. Das ist etwas sehr sympathisches und erwartet man eigentlich nicht.
Was machen Sie am Freitag, 1. September um 23.10 Uhr?
Ich werde vorm Fernseher sitzen und mir ansehen, wie mein Nachfolger Tom Buhrow die Sendung moderiert.
Was halten Sie von Ihrem Nachfolger Tom Buhrow?
Ich finde ihn einen ganz hervorragenden Journalisten, der in seiner Laufbahn bewiesen hat, dass er ein sehr seriöser, aber auch mit einem gewissen Schalk versehener Journalist ist. Er macht seinen Job im Augenblick aus Washington sehr gut und er hat eine große Live-Sicherheit, die sehr viel größer ist als die, die ich hatte, als ich angefangen habe.
Sie waren nicht so sicher?
Ich glaube, dass ich nicht so live-sicher war. Auch aus dem Grund, weil vor 15 Jahren die Korrespondenten noch nicht so viel live geschalten wurden wie jetzt.
Wird es Ihnen nicht fehlen, selbst zu entscheiden, was Sie in den „Tagesthemen“ sehen wollen und was nicht?
Im Augenblick kann ich mir das noch nicht vorstellen, dass ich es vermisse. Aber es kann schon sein, dass ich mir dann denke „Mensch, jetzt wärst Du auch gerne dabei.“ Auf der anderen Seite freue ich mich, dass ich mich mal mit ganz anderen Dingen befassen kann. Ich werde zum Beispiel mit einer Buchsendung anfangen: „Wickerts Bücher“ (ab 7.9. in der ARD, Anm. D. Red.). Das heißt, ich konzentriere mich auf was anderes, ich kann mich sozusagen ablenken. Außerdem bin ich wieder dabei, ein neues Buch zu schreiben. Ich habe genug zu tun, um mich nicht zu langweilen.
Wird noch eine Biografie folgen?
Ach Du lieber Gott, nein! Aber man weiß ja nie, was man mal schreibt …
Ich sah Sie ja eigentlich mit Kienzle zusammen über gute Weine philosophieren …
Aber der hat doch schon eine Sendung.
Ich dachte, Sie würden da mit einsteigen …
(lacht) Der würde mich da nicht reinlassen, weil er den Wein alleine trinken will.
Sie haben unzählige Auszeichnungen erhalten. Was sagen Sie zu dem Titel „Krawattenträger des Jahres 2005“?
Man entgeht manchen Ehrungen einfach nicht … Wobei ich sehr gut verstehe, dass ich irgendwann zum Krawattenmann des Jahres gewählt wurde. Manchmal sagen die Leute „Ich hab’ Sie gestern im Fernsehen gesehen und das war toll!“, und ich frage „Ja was war denn toll?“, und sie antworten „Ihre Krawatte!“
Erzählen Sie doch bitte eine Krawattengeschichte.
Ich habe mal eine Krawatte von Joschka Fischer mitgenommen und festgestellt, dass sie mir ganz gut passte. Er wiederum bat mich dann um eine Krawatte von mir, die ich ihm natürlich gab. Und die trug er dann zur Vereidigung von Helmut Kohl als Bundeskanzler.
Sie erbten von Hanns Joachim Friedrichs den Titel „Mr. Tagesthemen“. Hat er Ihnen jemals etwas bedeutet?
Man darf sich auf diesen Titel nichts einbilden. Es ist aber sehr schön, wenn die Außenwelt einen mit dem verbindet, was man macht. Wenn man akzeptiert wird als die Person, die identisch ist mit der Sendung. Das ist was ganz Schönes. Das zeigt, dass alles zusammenpasst.
Welcher Titel wird der nächste sein?
Ich brauche keine Titel. Das ist wirklich nicht wichtig.