Der Große als kleiner Mann
„Ich glaube an das Große im Kleinen. An das Kosmische im Mikrokosmos. Der kleine Mann hat viel zu erzählen. Und jeder ist mindestens ein kleiner Mann.“ In solch fast schon poetisch anmutenden Worten erklärt Schauspieler Wotan Wilke Möhring (*23. Mai 1967 in Detmold; „Lammbock“, 2001; „Hat er Arbeit?“, 2001; „Eierdiebe“, 2003), dass er lieber den kleinen Mann aus dem Volk spielt, als die vermeintlich großen Geister der Geschichte. So ist es denn auch ein völlig unbedeutender Dorfpolizist, dem Möhring im Thriller „Antikörper“ Leben und Leiden einhaucht.
War es genauso quälend, „Antikörper“ zu spielen, wie ihn sich anzusehen?
Ja, mit Sicherheit! Eine meiner schwersten Herausforderungen: Diese inneren Konflikte der Figur, die innere Pein, die ich nach außen tragen musste, damit es die Leute auch sehen können. Gerade diesen katholischen Polizisten zu spielen, der an seinem tiefsten Weltbild zweifelt, war eine sehr fordernde Aufgabe.
Wenn Sie viele Stunden am Tag in eine Rolle wie die von Michael Martens schlüpfen, können Sie da abends abschalten?
Jeder gute Film ist eine Erfahrung, und „Antikörper“ war eine besonders intensive Erfahrung. Immerhin spielt Martens mit dem Gedanken, seinen Sohn zu opfern, sein eigen Fleisch und Blut. Das ist etwas, was kaum vorstellbar ist. Eine solche Rolle wird man nach Drehschluss nicht einfach los, man ist permanent damit beschäftigt.
Martens ist sehr religiös. Sie auch? Konnten Sie seine Gläubigkeit bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen?
Ich glaube, dass es Dinge gibt, die wir nicht erklären können. Ich bin aber nicht kirchlich. Martens hadert vor allem mit der Kirche und deren Regeln. Er zweifelt an der Institution. An der Form, wie er seinen Glauben gelernt hat, seinen kirchlichen Glauben. Ich selber bin nicht mit der Kirche groß geworden. Ich musste sogar das „Ave Maria“ für den Film auswendig lernen.
In einigen Passagen sind Sie mit einem Pferd unterwegs. Können Sie reiten?
Können ist so eine Sache. Ich sag mal so … es reicht für den Film.
In manchen Szenen quill eine senkrechte Ader auf Ihrer Stirn hervor. Wann entsteht die? Wenn Sie sich besonders anstrengen?
Sie hat etwas mit dem unterdrückten Spiel zu tun. Je mehr ich unterdrücke, desto mehr quillt die Ader. Die Ader kommt mir natürlich im Spiel zugute. Weil sie zeigt, was ich meine.
Waren Sie zufrieden mit „Antikörper“?
Ja, war ich schon. Renée Zellweger war sogar so begeistert von „Antikörper“, dass sie jetzt in Christan Alvarts neuem Film „Case 39“ mitspielte. „Antikörper“ hat gerade dem Regisseur das Tor nach Hollywood geöffnet. Das schönste Lob aus dem Ausland war „This is not a German Movie!“
Das Budget von 2,5 Millionen Euro war nicht gerade fett.
Aber der Film sieht nicht danach aus. Na ja, wir haben aber auch alle nicht die volle Gage bekommen.
Sind Sie ein Schauspieler, der nie mehr etwas anderes machen möchte?
Gute Frage. Mir fällt im Sinne von Berufsbildern gerade nichts anderes ein. Ich will vor allem das, was alle Menschen wollen: glücklich sein. Ich will jeden Tag in den Spiegel schauen und am Ende meines Lebens sagen können, dass alles okay war. Die Herausforderungen und die Lust sind noch da und ungebrochen. Gerade wenn ich Perlen wie „Antikörper“ bekomme, weiß ich, warum ich Schauspieler bin und sein will.
Die wichtigste Frage: Wie ist es, mit Tom Cruise für „Valkyrie“ zu drehen?
Alles was ich sagen darf: Es ist super. Eine tolle Erfahrung.
Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit? Ist es Ihr Leben, Ihr Hobby, Zeitvertreib, Broterwerb?
Weder noch. Es ist Beruf und persönlicher Wahnsinn. Aber es gibt natürlich Dinge, die wichtiger sind. Die Schauspielerei ist nicht das echte Leben. Mein Beruf ist nicht etwas, ohne dass ich nicht mehr kann. Er ist aber mit Sicherheit das zweite Leben.
Welches Genre spielen Sie gerne?
Ein Genre, das es in Deutschland nicht gibt: das Heldentum. Das, was zum Beispiel Tom Cruise immer spielt. Eine einzelne Person gegen Mächte, gegen Institutionen. Eine Person, die sich zerreibt an ihrem Idealismus, weil sie mit der Welt nicht klar kommt.
Sie haben einige Preise bekommen ...
Eigentlich mehr Nominierungen. Ich bin der ewige Nachwuchsschauspieler. Auch mit 40 noch. Ich bin immer der, über den alle sagen, ich würde nächstes Jahr einen Preis kriegen.
Immerhin haben Sie zwei Auszeichnungen bekommen. Wo haben Sie die denn stehen?
Ich weiß es nicht. Einer, glaub’ ich, steht im Keller.
Welchen Film haben Sie sich zuletzt im Kino angesehen?
„Die Simpsons – Der Film“. Und zwar in Oslo, in Englisch. So was muss man im Original sehen.
Sind Sie reich?
Nein. Reich an Erfahrung vielleicht. Reich beschenkt. Aber nicht finanziell reich. Was einem beim Steuer-Melker-Staat Deutschland auch nur schwer gelingt. Aber mir geht’s gut, machen Sie sich mal keine Sorgen.