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Interview mit Anke Engelke
Foto: Anke Engelke
Alles außer Anke Engelke!
Bei „Ladykracher“ ist sie in jeder ihrer Rollen zum Brüllen komisch. Soll sie aber als Anke Engelke persönlich auftreten, wie einst in ihrer Late-Night-Show, findet sie das nur schrecklich …
Sie hat eben mit Bastian Pastewka als Volksmusikanten-Duo „Wolfgang und Anneliese“ den Deutschen Fernsehpreis moderiert. Während ihre 13 neuen „Ladykracher“-Folgen Superquoten versprechen, steht Anke Engelke (43) erneut als Anneliese Funzfichler für die zweite Jahresshow „Fröhliche Weihnachten“ und zwei Folgen von „Kommissarin Lucas“ vor der Kamera …


Vermischen sich bei dem Arbeitspensum nicht die Identitäten Frau Engelke?
Nein. Es bleibt immer nur ein Rollenspiel, ich schlüpfe nur für den Moment in die Figuren – bei Ladykracher sind das je Folge fünf bis zehn Frauen, schon ne ganze Menge. Aber ich bin kein so genannter method actor, der über das eigentliche Spiel hinaus in der Rolle lebt. Das ginge bei dem häufigen Rollenwechsel und der Vielseitigkeit, die hier gefragt ist auch gar nicht.

Sie scheinen ja eine unglaubliche Lust an der Verwandlung zu haben. Warum verbergen Sie sich so gern hinter Masken?
Mit verbergen hat das bei mir absolut nichts zu tun. Ich habe einfach Freude daran, so viele verschiedene Figuren zu spielen. Man kann doch nicht lauter unterschiedliche Rollen spielen wollen und dabei immer man selber bleiben. Das wäre doch unglaublich öde.

Superstars setzen aber auf diesen Wiedererkennungswert…
Aber ein Format wie Ladykracher funktioniert nicht mit einem Superstar, das muss jemand machen, der prima all die Gestalten annehmen kann, ohne dass der Zuschauer immer einen Promi vor Augen hat.

Worin besteht der Reiz, eine Rolle zu spielen, wenn man selbst dahinter ganz verschwindet?
Ich finde es sehr schön, wenn es gar nicht um mich geht, wenn man vor allem die Situation, die menschlichen Macken, Gewohnheiten und Klischees sieht.

Geben Sie überhaupt etwas von sich selbst preis?
Ich habe kein Interesse daran, dass mein Name irgendwo groß steht. Ich mag nicht mich spielen und nichts Persönliches von mir in die Figuren einfließen lassen, abgesehen von meiner Sicht auf die Figuren, meinen Beobachtungen und Interpretationen.

Anneliese Funzfichler, die Volksmusikantin aus „Fröhliche Weihnachten“ könnte eine Kraft wie Kerkelings Horst Schlämmer entwickeln. Immerhin hat sie und nicht Anke Engelke den Deutschen Fernsehpreis moderiert…
Es war super, dass wir mit dieser Parodie moderieren durften. Das war wirklich mutig vom Sender. Es ist schon seit der „Wochenshow“ eine große Freude von Basti und mir, solche Figuren ganz selbstverständlich leben zu lassen, sie als Realität zu spielen. Mal gucken, wie das mit Wolfgang und Anneliese weitergeht…

Wie haben die Kollegen reagiert?
Ich bin nach der Show sofort nach Hause gefahren. Die Probentage waren anstrengend, Basti und ich waren ziemlich im Eimer. 

Sie waren so frech wie keiner zuvor bei dieser alljährlichen Preisverleihung. Macht es mehr Spaß, den Finger in die Wunden der Fernsehleute zu legen und statt Hinz und Kunz mal die TV-Promis vorzuführen?
Darum ging es gar nicht so sehr. Wir wollten, dass aus Wolfgang und Anneliese der Zuschauer spricht. Ich hätte das auch in der Maske eines Normalos gemacht, aber das wäre vielleicht manchem zu realistisch gewesen, der sich unbeschadet fühlt, weil ja alles nur Quatsch, nur Parodie ist. Darum haben auch einige lachen können, die verantworten, worüber wir uns lustig gemacht haben.

Sprachen Ihnen Wolfgang und Anneliese persönlich aus der Seele?
Ich bin als Privatmensch durchaus manchmal enttäuscht vom Fernsehen. Aber es ist doch müßig, zu jammern. Man hat eine tolle Auswahl! Man hat eine Fernsehzeitung, die einen informiert, dann sucht man sich was aus, nimmt die Fernbedienung zur Hand und wenn einem gar nichts gefällt, drückt man den Ausknopf. Ist zweimal täglich was dabei, dann ist das genauso super, wie wenn es nur einmal die Woche was gibt, das einen interessiert. Übers Fernsehen zu schimpfen ist ein bisschen gestrig.

Die Kollegen von switch reloaded machen sich übers Fernsehen lustig. Mögen Sie die Sendung?
Ich bin nicht wirklich auf Zack, was alles so im Fernsehen läuft. Drum muss ich zur Vorbereitung für „Fröhliche Weihnachten“ einen Haufen DVDs kucken, damit ich mir die Leute ansehen kann, die ich spielen soll.

Sie sehen also alles mit Zeitverzögerung…
Ja, ich bin immer ein bisschen hinten dran und kann nicht gut mitreden, wenn über das aktuelle Fernsehen diskutiert wird. Aber das finde ich gar nicht so schlimm.

Interessieren Sie sich überhaupt für die Arbeit von Kollegen?
Ich lebe nicht total auf dem Mars. Ich habe natürlich die Schlämmer-Welle mitgekriegt und sehe gerne, was Basti macht. Sehr hilfreich sind der Fernsehpreis und der Comedypreis, da sehe ich dann immer, was so alles passiert ist und wer was macht.

Oliver Pocher belebt die Late-Night-Show bei SAT.1 neu. Sie haben mal gesagt man müsse böse und ein bisschen größenwahnsinnig für eine Late-Night mit Stand-up-Elementen sein. Trifft das auf Oliver Pocher zu?
Ich glaube zumindest, dass er die wichtigste Voraussetzung mitbringt: Er will da vorne stehen, den Leuten sagen, was am Tag passiert ist und er will seine Meinung verbreiten. Das muss man wirklich wollen. Für mich war das der schrecklichste Teil der Late-Night-Show. Ich fand es ganz, ganz fürchterlich, mich da hinzustellen und den Leuten meine Meinung aufzudrängen, die ja in Wahrheit von Autoren geschrieben war.

Was war daran so schlimm?
Wenn man ein schlechter Stand-Up-Comedian ist, dann spielt man, dass das die eigene Meinung ist. Im Idealfall moderiert die Late Night jemand, der auch viel selber schreibt und es so formuliert, dass es tatsächlich seine Meinung sein könnte. Bei mir war das nie so, weil ich einfach nicht das Bedürfnis habe, anderen meine Meinung mitzuteilen.

Und böse zu sein, ist auch wichtig?
Ich glaube, es hilft, wenn man wütend ist und sich gerne aufregt.

Sie selbst sind in Ihren Ladykracher-Sketchen auch nicht gerade zimperlich, machen Sie sich mit Schmackes über Frauen lustig. Würden Sie sich trotzdem als Feministin bezeichnen?
Aber natürlich! Wieso denn trotzdem? Ich bin eine Feministin, weil ich das mache! Falsche Rücksicht ist völlig fehl am Platz. Ich spreche dabei auch lieber von Emanzipation, die für Männer und Frauen gilt, wenn sie sich kritisch mit dem eigenen und dem anderen Geschlecht auseinandersetzen.

Die Sketche werden aber alle von Männern geschrieben…
Das ist doch völlig egal. Was die Jungs da hinkriegen, zum Teil spontan auf Abruf, das ist schon toll. Ich kann da nur den Hut ziehen. Für die neuen Ladykracher-Folgen haben sie sogar ein Musical zur Weltwirtschaftskrise geschrieben.

Warum schreiben Sie nicht selbst?
Ich finde das unglaublich schwer und bin da relativ unkreativ.

Kaum zu glauben…
Das ist keine Koketterie, ich meine das auch nicht witzig. Ich finde man muss die Eier haben, zu sagen: Ich kann das nicht. Ich stehe auf dem Standpunkt: Derjenige, der etwas am besten kann, soll es machen. Ich kann nicht schreiben, nicht Regie führen und mich nicht schminken. Ich kann am besten spielen. Ist nur eine Sache, aber dafür breit gefächert.

Inzwischen drängen endlich mehr Frauen auf die große Comedy-Bühne. Cindy aus Marzahn, Mirja Boes… Aber die kleben im Gegensatz zu Ihnen an immer gleichen Klischees fest. Kann das auf Dauer lustig sein?
Mirja Boes ist schon seit 20 Jahren auf ihre Art erfolgreich. Und Cindy ist doch super. Sicher auch Geschmackssache. Aber sie hat ein tolles Timing. Und wer darüber nicht lacht, der hat bestimmt ‘nen schlechten Tag. Ich find sie sehr lustig. Und der Beweis, dass man lustig sein kann, wenn  man in einer Rolle bleibt, ist doch wohl Mario Barth.

Mario Barth macht Comedy in Wiederholungsschleife…
Er versteht sich eben nicht als multiple Persönlichkeit. Er zieht den einen Typ Mann durch. Und es klappt doch. Es scheint die Menschen überhaupt nicht zu langweilen, wenn jemand immer die gleiche Figur spielt.

Wären Sie davon nicht gelangweilt?
Langeweile lehne ich ab. Ich habe bisher auch nie eine Rolle so lange gespielt, dass sie mir fade wurde.

Die Comedybranche gilt als die am wenigsten eitle im Medienzirkus. Stimmt das eigentlich?
Eitelkeit würde bei einem Comedian extrem stören. Wie soll man denn da spielen? Man muss sich selbst ausblenden, sonst steht man sich nur im Weg. Da würde ich ja durchdrehen, wenn ich immer überlegen müsste: Sehe ich gerade gut aus?

In der Medienbranche gelten Sie als Star. Allerdings wird der Begriff Star allgemein ziemlich inflationär gehandelt…
Das ist für mich echt kein Thema. Es hat mit meinem Leben einfach gar nichts zu tun und interessiert mich nicht. Da ist sowieso etwas gewaltig schief gelaufen in den letzten Jahren, dass Menschen, die im Fernsehen sind, automatisch Stars sind. Die sind vielleicht bekannt. Aber ein Star? Das ist doch wirklich was anderes.

Wer ist ein Star?
Wenn ich an Ihnen auf dem roten Teppich vorbei gehe, dann drehen Sie sich nicht um und fragen sich: Huch, was war denn das eben für eine Erscheinung? Beim Deutschen Fernsehpreis habe ich Senta Berger beobachtet und da habe ich schon gedacht: Das ist wirklich ‘ne Spitzenfrau. Aber ehrlich gesagt verstehe ich diese ganze Star-Vernarrtheit überhaupt nicht.

Im Feuilleton wird Anspruch heute noch oft mit Drama und Ernsthaftigkeit gleichgesetzt. Ärgert Sie als Komödiantin dieser Kultursnobismus?
Im Gegenteil, ich stoße auf sehr viel Respekt und Verständnis für meine Leidenschaft und Spielpassion. Aber manche Menschen wollen eben auch fies sein. Um die kann man prima einen grooooßen Bogen machen.

Hape Kerkeling hat gerade wieder betont, dass er sich beim Altwerden nicht zuschauen lassen will und mit 50 vom Bildschirm verschwinden wird. Schmieden Sie schon ähnliche Abschieds-Pläne oder dürfen wir damit rechnen, über Anke Engelke auch mit 70 noch zu lachen?
Hape ist dafür bekannt, dass er ein Planer, ein Zauderer ist, bei allem hin und her überlegt. Wir standen schon ein paar Mal kurz vor einer gemeinsamen Show in den letzten fünfzehn Jahren, weil wir uns sehr schätzen und mögen. Hat leider nicht geklappt. Aber mir ist es fremd, einen Plan für die nächsten Jahre aufzustellen. Dazu macht mir mein Beruf viel zu viel Spaß. Ich habe Bammel, dass ich mir die Freude an der Leichtigkeit des Spielens nähme, wenn ich fünf Jahre im Voraus plante.

Noch eine letzte Frage: Wenn jemand am Ende eines Gesprächs zu Ihnen „Danke Anke“ sagt, können Sie das verzeihen?
Ich habe damit überhaupt kein Problem. Ich habe  gerade einige Tage in Tansania verbracht. In der Mission, in der ich gewohnt habe, arbeiten Leute, die deutsch sprechen, weil sie in Deutschland Theologie studiert haben. Und auch sie sagen, wenn ich ihnen etwas reiche „Danke, Anke!“ Völlig normal.

Interview: Sabine Krempl

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