Original-Titel: Das Geiseldrama von Gladbeck
Ende: 02:00
Laufzeit: 45 Minuten
Crime-Doku, D 2018
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01:15 Das Geiseldrama von Gladbeck - Danach war alles anders

19. August | Tagesschau24 | 01:15 - 02:00 | Crime-Doku
Tagesschau24

Das Gladbecker Geiseldrama im August 1988 zählt bis heute zu den spektakulärsten und gleichzeitig dramatischsten Verbrechen der Nachkriegsgeschichte. Nachdem Hans-Jürgen-Rösner und Dieter Degowski um kurz vor acht Uhr morgens eine Bankfiliale im nordrhein-westfälischen Gladbeck überfallen haben, eskaliert die Situation. Die Täter nehmen zwei Bankangestellte als Geiseln. Am Abend gewährt ihnen die Polizei den beobachtungsfreien Abzug mitsamt der Geiseln und 300.000 Mark Lösegeld im Fluchtauto. Eine Irrfahrt beginnt. 54 Stunden lang hält das Geiseldrama die Menschen in der Bundesrepublik in Atem, und Millionen Zuschauer sind live am Fernseher dabei. Kein anderes Verbrechen steht so sehr für mediale Grenzüberschreitung und polizeiliches Versagen. In Bremen nimmt die Geiselnahme eine neue Wendung: Nachdem die Polizei mehrere Zugriffsmöglichkeiten versäumt hat, kapern Rösner und Degowski am Busbahnhof Huckelriede einen Bus der Linie 53. Am Ende gibt es unter den 30 Fahrgästen zwei Todesopfer: Emanuele de Giorgi und Silke Bischoff. Für alle anderen ändert sich alles von einer Sekunde auf die andere. Für immer. Die Radio-Bremen-Dokumentation fokussiert die persönliche, ganz individuelle Perspektive der Opfer, ihrer Angehörigen und weiterer beteiligter Akteure des Geiseldramas im Sommer 1988. Tatiana de Giorgi ist heute 39 Jahre alt, verheiratet und hat vier Kinder. Sie ist die Schwester des ermordeten Emanuele. Nach Bremen ist sie nie mehr zurückgekehrt. Bis heute verfolgen sie die Bilder ihres sterbenden Bruders, ihre eigene Todesangst: "Ich habe mich danach völlig verändert. Ich verschloss mich in mir selbst, schlief nachts nicht mehr. Bis heute wache ich nachts von meinen Albträumen auf, weil meine Hände und Beine so stark zittern." Kurz nach dem Drama ging die Familie De Giorgi zurück nach Italien. Vor allem Mutter Giuseppina konnte das Leben in Bremen nicht mehr ertragen, zu viel erinnerte sie an Emanuele: "Wäre er an einer Krankheit gestorben, hätte ich es mit den Jahren vielleicht verkraftet. Aber so wache ich nachts auf und denke an mein Kind. Immer." Ihren Ehemann Aldo plagt seit 30 Jahren die Frage nach dem Warum: "Seitdem denke ich an Rache. Aber dann gehe ich zum Grab meines Sohnes, schaue auf sein Foto und es ist so, als wolle er mir sagen: Papa, an dem Tag, wo warst du da?" Neben dem Porträt der Überlebenden und der Opfer zeichnet der Film von Nadja Kölling auch das Versagen von Sicherheitskräften und Medien nach: Wie konnte es zu dieser Tragödie kommen und warum wurde die Presse bei ihrer voyeuristischen Berichterstattung nicht gestoppt? Wie gehen die Protagonisten heute mit dem Erlebten um? Wie hat es den weiteren Verlauf ihres Lebens beeinflusst? Welche Rolle spielen die großen Fragen nach Schuld und Sühne, nach Tod und Leben? Und was gibt Hoffnung, lässt Menschen weitermachen? Johnny Bastiampillai war damals gerade mit seiner Mutter aus dem Bürgerkrieg in Sri Lanka geflohen. Zusammen mit ihr und sieben weiteren Familienmitgliedern hatte er eine Trauerfeier besucht, als die Gangster den Bus entern. "Die Angst, dass man einen Menschen im Bus sterben sieht und dass man auch derjenige hätte sein können, haben alle im Bus gehabt. Mich hat das geprägt." Silke Bischoff starb im Verlauf der Schießerei auf der A3. Sie wurde von Rösner während des Zugriffs durch das Spezialeinsatzkommando (SEK) erschossen. Ihre Mutter Karin konstatiert verbittert die Sinnlosigkeit von Silkes Tod: "Meine Tochter hätte nicht sterben müssen. Ich empfinde nur Wut und Hass. Das bleibt. Ich habe das immer noch vor Augen, ich träume davon. Das bleibt in mir." Die Dokumentation zeigt auch, welche Spuren traumatische Erlebnisse in den Seelen und Lebensläufen der Betroffenen hinterlassen. In Zeiten von Terroranschlägen, politisch aufgeheizten Gefahrenlagen und medialer Omnipräsenz können die Tage im Sommer 1988 als Blaupause für heutige Ausnahmezustände gesehen werden.