Original-Titel: Mund halten und schnell vergessen
Ende: 02:30
Laufzeit: 28 Minuten
Dokumentation, D
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02:02 Mund halten und schnell vergessen - Eine Kindheit unterm Hakenkreuz

19. November | Tagesschau24 | 02:02 - 02:30 | Dokumentation
Tagesschau24

"Auf dem Pult des Lehrers lag ein Zettel und da stand mein Name drauf. Und unter meinem Namen, Joelsen Halbjude. Da mich meine Eltern bis dahin nicht aufgeklärt hatten, dass ich jüdische Großeltern habe, hat mich das völlig unvermittelt getroffen: Wieso bin ich jetzt plötzlich Halbjude? Ich hab bloß gewusst, was Schlimmes muss es ja sein. Denn Juden sind unser Unglück. Das hab ich ja gelesen auf dem Schulweg." Walter Joelsen ist zwölf Jahre alt, als er von seiner "nichtarischen" Abstammung erfährt. Das Verdikt, das 1938 in einem Münchner Gymnasium über ihn gesprochen wird, verändert sein Leben völlig. Plötzlich fangen die zunächst noch kleinen Schikanen an, die Gemeinheiten von Spielkameraden, die Abstrafungen in der Schule. Dann gerät die Familie unter existenziellen Druck. Der Vater, ein konvertierter Jude, verliert seine Arbeit, die Mutter wird von der Verwandtschaft bedrängt, sich doch endlich scheiden zu lassen. Kleine Fluchten in ein "normales" Leben gelingen Walter Joelsen in der evangelischen Jugendarbeit. Hier ist sein "jüdischer Makel" kein Thema. Das Dritte Reich durchstehen Walter Joelsen und sein Vater als Zwangsarbeiter. Doch auch das Leben nach der Befreiung 1945 ist schwer zu gestalten. Denn der Antisemitismus ist nicht aus den Köpfen der Menschen verschwunden, auch nicht in der Kirche. Lange hat Pfarrer Walter Joelsen in der Öffentlichkeit über seine Geschichte geschwiegen. In den 1990er Jahren wurde er gebeten, in Schulen mit den Kindern zu sprechen. Seitdem gibt er ein bewegendes Zeugnis seiner Kindheit und auch seines Lebens nach dem Krieg.